Gedanken zum Pfoten-Pfad
Der Brocken: eine Geschichte über Führung, die keine Kraft braucht
Von Eckard Wulfmeyer, Pfoten-Pfad · Lesedauer: ca. 21 Minuten
Der Traum und die zwei Hindernisse
Es gibt Träume, die man niemandem erzählt, weil man selbst nicht daran glaubt, dass man sie sich nehmen darf. Herberts Traum war so einer. Mit seinem Hund Balou auf den Gipfel des Brockens wandern, 1142 Meter über dem Meeresspiegel, der höchste Berg Norddeutschlands, weit über die Baumgrenze hinaus, dorthin, wo der Wald aufhört und nur noch Himmel ist. Er trug diesen Traum lange mit sich herum, so wie man etwas mit sich herumträgt, von dem man ahnt, dass es einem selbst am meisten im Weg steht.
Zwei Dinge standen zwischen ihm und diesem Gipfel. Das eine war sichtbar, das andere nicht.
Sichtbar war die Armprothese, Folge eines Unfalls. Mit ihr konnte er eine Gabel halten, ein Glas, eine Türklinke. Seinen Hund konnte er damit nicht halten. Jeden Tag, wenn er Balou an die Leine nahm, erinnerte ihn das daran, was er nicht mehr konnte.
Unsichtbar, und deshalb viel schwerer zu tragen, war etwas anderes. Herbert konnte nicht Nein sagen. Das hatte ihm niemand beigebracht, es war ihm anerzogen worden, über Jahrzehnte, so lange, bis es sich nicht mehr wie eine Angewohnheit anfühlte, sondern wie er selbst.
Die gemeinsamen Spaziergänge waren längst kein Vergnügen mehr. Balou zog, riss, es wurde zu einem Tauziehen, bei dem Herbert jederzeit hätte stürzen können. Balou sprang, bellte fremde Hunde an, stellte sich auf die Hinterbeine, sobald jemand in Sichtweite kam. Und mit jedem missglückten Spaziergang wurde der Brocken für Herbert ein Stück unerreichbarer, der Zweifel immer lauter.
Nach einer kurzen Internetsuche fand er uns. Wenige Tage später saß er bei uns im Seminar, mit einer Mischung aus Hoffnung und der leisen Angst, dass auch das nichts ändern würde.
Warum ein Ziel die Grundlage von Führung ist
Bevor wir überhaupt zur Leine kamen, sprachen wir über das Ziel selbst.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen zum Führen ist es, ein Ziel zu haben, etwas Erreichbares, auf das man hinarbeiten kann. Durch ein gesetztes Ziel und die eigene Überzeugung, es zu erreichen, können selbst die kleinsten und schwächsten Mitglieder einer Gruppe die größeren und stärkeren überzeugen, mitzuziehen. In der Wirtschaft wüssten Mitarbeiter ohne klare Ziele nicht, in welche Richtung sie ihre Arbeit lenken sollen. Selbst die Domestikation des Hundes lässt sich als eine solche Partnerschaft lesen, entstanden aus einem gemeinsamen Ziel zwischen Wolf und Mensch. Ohne Ziel ist Erfolg nicht messbar. Und ohne Ziel ist Entwicklung nicht möglich.
Ich fragte Herbert, was sein Ziel sei. Er zögerte, als müsse er sich selbst erst die Erlaubnis geben, es laut auszusprechen. Dann sagte er es doch. Den Brocken hinauf, mit Balou. Man merkte ihm an, wie ungewohnt es für ihn war, etwas für sich selbst zu wollen und das auch noch zu sagen.
Sein Ziel war jetzt ausgesprochen, glasklar. Der Weg dorthin war damit noch lange nicht klar, und mit Weg meine ich nicht den Wanderweg. Ich meine die Frage, ob es Herbert gelingen würde, seinen Hund den Berg hinaufzuführen, ohne sich selbst und seine Umwelt in Gefahr zu bringen.
"Vorne gucken, gehen!"
Lisa nahm sich Balou zuerst vor, ohne Herbert. Sie wollte ihn einfach mal kennenlernen, und sie zeigte Herbert, was Führung eigentlich bedeutet, und dass es dabei völlig egal ist, wie groß und kräftig der Hund ist. Nicht körperliche Stärke ist an diesem Punkt gefragt, sondern Überzeugung ist es. Sie füllte die drei Worte "Vorne gucken, gehen!" mit Inhalt, mit einer Botschaft und mit einer Bedeutung. In diesem Fall bedeuteten sie: Du folgst mir, und du achtest auf mich, das ist mein Ziel.
Dann war Herbert an der Reihe. Ich sah ihm an, wie schwer ihm dieser erste Schritt fiel, nicht der Schritt mit dem Fuß, sondern der Schritt im Kopf. Einfach loszugehen, ohne sich nach Balou umzudrehen, ohne zu prüfen, ob er folgte, ohne die alte Gewissheit, dass er nachgeben müsse, sobald der Hund zog. Das war für Herbert nicht irgendeine Übung, es war die erste Situation seines Lebens, in der er entscheiden sollte, ohne vorher zu fragen, ob das in Ordnung sei.
Er ging trotzdem. Er probierte nicht, er ging einfach.
Und Balou verstand sofort. Das ist das Gesetz der Resonanz. Jede Veränderung am Menschen führt unmittelbar zu einer Veränderung am Hund. Es dauerte keine zwanzig Minuten, dann ging Balou einfach mit, ohne zu zerren, ohne stehenzubleiben. Ich beobachtete Herberts Gesicht in diesen zwanzig Minuten. Am Anfang war da Anspannung, dann Unglauben, dann, ganz langsam, so etwas wie Erlaubnis. Als hätte ihm gerade jemand gesagt, dass er das durfte. Ich bestärkte ihn darin, dass es nun einfach mal um ihn gehen durfte, er keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer nehmen musste, nicht jetzt und nicht hier.
Was hier passierte, lässt sich wissenschaftlich erfassen. Hunde lesen die feinsten körperlichen Signale ihres Menschen: Haltung, Atmung, Muskelspannung, lange bevor ein Wort fällt. Ein Mensch, der innerlich ein Ziel in sich trägt, bewegt sich anders als einer, der nur reagiert. Balou reagierte nicht auf ein Kommando. Er reagierte auf einen Menschen, der sich in diesem Moment tatsächlich verändert hatte.
Führung beginnt nicht beim Kommando, sondern in dir selbst. Ein Buch über Klarheit, Vertrauen und das stille Versprechen zwischen Mensch und Hund.
* Affiliate-Link. Du zahlst nichts extra, wir erhalten eine kleine Provision.Das Fahrrad und die Angst vor einem Sturz
Bei den Hundebegegnungen bemerkte Lisa etwas anderes. Sie sprach mit Herbert über Balous Tagesablauf und bestätigte ihre Vermutung: Balou bewegte sich zu wenig. Für einen großen, kräftigen Hund war Radfahren eine naheliegende Lösung, um Energie abzubauen, statt sie in Leinenkämpfen zu entladen. Ohne dieses Ventil wäre die neue Gelassenheit nicht von Dauer gewesen.
Herbert bekam bei dem Gedanken große Augen. Ich sah, wie sein Blick für einen Moment ins Leere ging, und ich wusste, was in ihm ablief. Er sah sich schon stürzen, sich überschlagen, mit einer einzigen Hand, die nichts abfangen konnte, blaue Flecken, gebrochene Knochen. Diese Angst war nicht albern. Sie war real und begründet, gemessen an dem, was er körperlich zu verlieren hatte, was er nicht wieder gutmachen konnte. Ich sah in seinem Gesicht auch den Impuls, einfach Nein zu sagen. Nicht heute, vielleicht ein anderes Mal, ich mache das bestimmt mal. Diese Ausrede hätte für jeden anderen völlig plausibel geklungen.
Wir halfen ihm auf zwei Arten. Zuerst mit dem Dogrunner*, einem gefederten Hilfsgestell am Fahrrad, das plötzliche Ausbrüche eines Hundes in jede Richtung abfängt. In all den Jahren haben wir damit noch keinen Sturz erlebt. Die zweite Hilfe war Lisa selbst. Sie leinte Balou an, setzte sich aufs Rad, schaute nach vorn und fuhr los, damit Herbert mit eigenen Augen sah, dass es funktionieren konnte, bevor er es selbst wagen musste. Die ersten hundert Meter waren holprig, dann machte es Klick in Balous Kopf, und er lief mit, sichtlich mit Freude, hüpfend zwischendurch. Dort, wo eine läufige Hündin eines Landwirtes eine Duftmarke hinterlassen hatte und Balou abrupt bremste, fing die Feder des Dogrunners die Wucht ab. Lisa kam ohne Sturz zum Stehen, fuhr sofort weiter, rief ihm zu: "Jetzt ist Fahrradzeit, nicht Schnüffelzeit."
Dann war Herbert an der Reihe. Die ersten Meter waren langsam, dadurch wacklig, gefährlich sogar, genau das, wovor er sich gefürchtet hatte. "Gib Gas, du bist zu langsam, du musst schneller fahren", rief Lisa. Und hier lag die eigentliche Zumutung. Er sollte genau das Gegenteil dessen tun, was sich sicher anfühlte. Er beschleunigte trotzdem, gegen jeden Instinkt, der ihm sagte, langsamer sei sicherer.
Sofort lief Balou flüssiger, ordnete sich neben dem Rad ein. Es war ein harmonisches Bild.
Nach einigen Minuten kam Herbert zurück. Ich sah sein Gesicht, bevor er ein Wort sagte, und ich kannte diesen Ausdruck von anderen Momenten in meinem Leben, in denen Angst sich in Sekunden in etwas völlig anderes verwandelt. Er strahlte Balou an und sagte: "Ich glaube, wir beide haben ein neues Hobby!"
Ich erklärte ihm danach, dass es beim Radfahren nicht darum geht, den Hund bis zur Erschöpfung auszupowern, sondern ihm zu helfen, seine tägliche Energie zu kanalisieren. Ein gesundes körperliches Gleichgewicht ist Voraussetzung für geistige Stabilität, bei Hund und Mensch gleichermaßen. Lisa zeigte ihm außerdem ein Bauchgeschirr, damit seine Hand frei blieb, und tauschte später das Führgeschirr gegen ein Halsband. Ein Hund kann über ein Geschirr deutlich mehr Kraft auf die Leine übertragen als über ein Halsband, und das wäre für Herbert gefährlicher gewesen. Oder wie Lisa es zu sagen pflegt: Geschirre sind zum Ziehen da, Halsbänder zum Laufen.
Warum Herbert nicht Nein sagen konnte
Das war der Punkt, an dem die eigentliche Arbeit erst begann. Alles davor war Vorbereitung.
Indem er mit unerschütterlicher Entschlossenheit vorwärts marschierte, " Vorne gucken, gehen!", zeigte Herbert seinem Hund, dass er es ernst meinte mit dem Satz: Du folgst mir. Für die meisten Menschen ist das eine Übung für einen Nachmittag. Für Herbert war es der Versuch, gegen eine Stimme anzugehen, die schon seit Jahrzehnten in seinem Kopf saß und die er nie infrage gestellt hatte.
Er hatte gelernt, sich um andere zu kümmern. Erst um seine Eltern, dann um seine Familie, seine Arbeitskollegen, immer als Erster zur Stelle, wenn jemand Hilfe benötigte. Wenn seine Frau ihm vorhielt, er habe doch gewusst, dass sie etwas geplant hatten, weil er frei hatte, widersprach er nicht, wenngleich er es anders erlebt hatte. Er konnte seinen Kindern an der Kasse keine Süßigkeit abschlagen. Und er konnte, das war fast das Bezeichnendste an der ganzen Geschichte, nicht einmal seinem eigenen Hund widerstehen, wenn es darum ging, ein Stück Kuchen zu teilen. Selbst gegenüber einem Tier hatte er verlernt, eine Grenze zu ziehen.
Was macht das mit einem Menschen, über so viele Jahre nie Vorrang zu haben, nicht einmal in den kleinsten Dingen? Es frisst sich ein. Es wird zu einer Gewissheit, die man nicht mehr hinterfragt: Meine Wünsche kommen zuletzt. Und irgendwann glaubt man das so vollständig, dass man aufhört, überhaupt noch zu merken, dass man etwas will.
Jetzt sollte sich genau das ändern, mitten in einem Wald im Cuxland, mit einem Hund an der Leine. Herbert wusste, dass dieses Muster sich ändern musste. Die schnellen Fortschritte mit Balou gaben ihm etwas, das er lange nicht gespürt hatte: den Beweis, dass er tatsächlich etwas bewirken konnte, wenn er es zuließ. Genau das beschreibt die Psychologie mit dem Begriff Selbstwirksamkeit, das Gefühl, durch eigenes Handeln wirklich etwas zu verändern. Jeder kleine Erfolg, das ruhige Gehen, das gelungene Radfahren, war für Herbert ein Beweis, den er sich selbst lieferte, gegen eine innere Stimme, die ihm sein ganzes Leben lang das Gegenteil gesagt hatte. Und dieser Beweis gab ihm die Kraft, sich an die viel ältere, viel schmerzhaftere Aufgabe heranzuwagen, die eigentlich nichts mit Balou zu tun hatte und doch alles.
Das kostete ihn etwas. Man sah es ihm an, wenn er versuchte, hart zu sich selbst zu sein, den emotionalen Schmerz auszuhalten, der damit einherging, sich selbst zum ersten Mal wichtig zu nehmen. Es war kein leichter Weg. Aber es war seiner.
Vielleicht ist dir während dieser Zeilen schon jemand eingefallen. Ein Vater, ein Kollege, eine Freundin, die genau wie Herbert nie Nein sagen kann, weder im Leben noch gegenüber dem eigenen Hund. Schick dieser Person diesen Artikel, nicht als Belehrung, sondern als Beweis, dass es geht. Leite ihn jetzt per WhatsApp weiter oder teile ihn über die sozialen Medien.
Darf er das, oder darf er das nicht?
Balou wusste inzwischen, dass er beim Gehen auf Herbert zu achten hatte. Jetzt ging es darum, dass er auf Dauer begriff, was erlaubt war und was nicht, dass er lernte, sich in der Öffentlichkeit zu benehmen, brav, ohne aufzufallen.
Wir schickten Herbert immer wieder ein Stück Weg entlang, etwa dreihundert Meter, mit der Anweisung, an einem bestimmten Punkt umzudrehen. Nach ein paar Durchgängen lief Balou zuverlässig an durchhängender Leine. Dann kamen wir ihm mit einem unserer eigenen Hunde entgegen. Ich beobachtete Herbert schon von Weitem, und ich sah es kommen, bevor es passierte. Der Arm mit der Leine, der eben noch entspannt hing, zog sich langsam nach oben, Zentimeter für Zentimeter, je näher wir kamen. Die Angst kroch zurück in seinen Körper, lange bevor sein Kopf es zugegeben hätte. Wenige Meter vor uns geschah, was geschehen musste. Balou sprang in die Leine, bellte uns entgegen. Eine klare Aussage: Ich regel das hier, weil du es gerade nicht tust.
Singen gegen die Angst
Ich sprach kurz mit Herbert, dann marschierten wir los, Balou links neben ihm. Und dann fingen wir an zu singen. Wir lagen vor Madagaskar, aus vollem Hals, in schöner, schriller Disharmonie. Es muss absurd ausgesehen haben, zwei erwachsene Männer, die singend an einem provozierenden Hund vorbeimarschieren. Genau das war der Punkt. Wer singt, kann keine Angst gleichzeitig in voller Lautstärke im Kopf haben, dafür ist einfach kein Platz.
An der markierten Stelle drehten wir um, liefen wieder auf Lisa mit ihrem Hund zu, und ich ermutigte Herbert, weiter nach vorn zu schauen, dorthin, wo sein Auto stand, während wir weitersangen. Wir gingen an Lisa und ihrem Hund vorbei, als wäre es das Normalste der Welt. Es war das Normalste der Welt. Nur eben nicht in Herberts Vorstellung, die noch bis vor wenigen Minuten von Katastrophen erzählt hatte.
Er konnte es kaum fassen, wollte aber sofort wieder loslaufen, mit einer Ungeduld, die ich bis dahin nicht an ihm gesehen hatte. Wieder sangen wir, wieder gingen wir vorbei, wieder klappte es. Wir hielten kurz an, denn in seinem Kopf rotierte es sichtlich. Was war da gerade passiert? Das Hochziehen des Arms war Angst gewesen. Und eines der wirksamsten Mittel gegen Angst ist, den Körper mit etwas anderem zu beschäftigen, als sie zu füttern. Singen. Auf diese Weise durchbrach er ein Muster, das ihn vermutlich sein ganzes Leben begleitet hatte, ohne dass er es je so genannt hätte.
Wir liefen den Weg mehrfach auf und ab. Immer wieder kam uns Lisa mit einem anderen Hund entgegen. Manche interessierten sich nicht für die Begegnung, andere versuchten, Balou zum Spielen zu animieren. Mit jedem Durchgang sangen wir leiser, bis wir irgendwann verstummten und einfach nur noch gingen. Die Stille war jetzt kein Zeichen von Angst mehr. Sie war ein Zeichen von Ruhe.
"Lass das! Ich will das nicht mehr!"
Dann kam uns Lisa mit einem großen, sehr selbstbewussten Hund entgegen. Schon von Weitem hob er den Kopf, spitzte die Ohren, begann zu bellen. Lisa ließ es zu, absichtlich, sie wollte Herbert eine letzte, härtere Prüfung geben.
Ich sah, wie Herbert für einen Wimpernschlag langsamer wurde. Nur einen einzigen Moment, aber es reichte. Sofort übernahm Balou, drängte nach vorn, hing in der Leine, gebärdete sich wie zu Beginn dieses Tages. Alte Muster warten nicht lange auf eine Gelegenheit.
Und dann geschah etwas, das ich in dieser Klarheit selten erlebt habe. Herbert stampfte intuitiv mit dem Fuß auf und rief, nicht geübt, nicht einstudiert, sondern aus einer ehrlichen Tiefe heraus, die ihm selbst überraschend vorgekommen sein muss: "Lass das! Ich will das nicht mehr!"
Man merkte ihm an, wie ehrlich dieser Moment war. Und genau diese Ehrlichkeit ließ Balou augenblicklich innehalten. Ich muss gestehen, an der Stelle seines Hundes hätte ich wahrscheinlich auch aufgehört, so viel Willenskraft trat in diesem Augenblick aus Herbert heraus.
Was hier den Unterschied machte, war nicht die Lautstärke. Es war die Kongruenz zwischen dem, was Herbert sagte, und dem, was er in diesem Moment tatsächlich fühlte. Ein Hund reagiert auf Echtheit weit stärker als auf jede noch so gut einstudierte Anweisung. Balou hatte in den Tagen zuvor viele Versuche erlebt. Diesen einen Moment erkannte er als etwas völlig anderes.
Ich glaube, in diesem Moment hat nicht nur Balou etwas erkannt. Ich glaube, Herbert hat in diesem Moment zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben gehört, wie er selbst klingt, wenn er wirklich meint, was er sagt.
Wir gingen weiter, drehten um, liefen wieder an Lisa und ihrem Hund vorbei, redeten über sein Lieblingsessen, Balou lief einfach vorbei, unbeeindruckt. Nach einer Weile blieben wir schließlich stehen, direkt gegenüber von Lisa und ihrem weiterhin provozierenden Hund. Herbert schaute zu Balou und gab die Anweisung, sich zu setzen. Balou setzte sich. Das Theater an der anderen Leine interessierte ihn nicht mehr.
Für Herbert war das in diesem Moment unfassbar. Monate, Jahre hatte er von genau diesem Bild geträumt, ohne zu wissen, ob es je Wirklichkeit werden würde. Ich sah, wie seine Augen feucht wurden, und ich sah, wie er es nicht wegwischte, sondern einfach stehen ließ.
Solange Herbert mit dieser Entschlossenheit durch sein Leben geht, wird das so bleiben. Das ist das Gesetz der Resonanz. Jede Veränderung an dir führt zu einer Veränderung an deinem Gegenüber. Immer.
Der Gipfel
Herbert verschwendete keine Zeit. Er wollte nicht abwarten, nicht beobachten, nicht erst noch einmal üben. Direkt nach dem Seminar fuhr er in den Harz, mit einer Dringlichkeit, die ich gut verstehen konnte. Wer jahrelang auf etwas gewartet hat, will es nicht noch einen Tag länger aufschieben, sobald es endlich möglich scheint.
Was genau zwischen ihm und Balou auf diesem letzten Weg zum Gipfel geschah, das weiß nur er. Ich kann es mir vorstellen, den Wind, der über die Baumgrenze hinweg immer schneidender wird, die letzten Meter über nacktes Geröll, Balou an lockerer Leine neben ihm, ohne Ziehen, ohne Kampf, nur zwei, die zusammen einen Berg hinaufgehen.
Am Freitagabend erreichte uns ein Foto. Herbert und Balou, oben auf dem Gipfel des Brockens, die Aussicht vor sich, weit über Norddeutschland. Ich habe dieses Foto lange angeschaut. Es zeigt keinen besonderen Moment auf den ersten Blick, nur einen Mann und seinen Hund vor einer Landschaft. Aber ich wusste, was in diesem Bild steckte. Jahre eines Traums, den er niemandem zu erzählen wagte. Eine Prothese, die ihm gezeigt hatte, was er nicht mehr konnte. Und eine Stimme in seinem Kopf, die ihm sein Leben lang gesagt hatte, er dürfe nicht wollen, was er wollte, bis er an einem gewöhnlichen Wochenende bewies, dass diese Stimme unrecht hatte.
Abenteuer auf vier Pfoten: Warum Haltung wichtiger ist als jedes Leckerli. Für alle, die ihren Hund nicht nur besitzen, sondern als echten Partner ins Leben integrieren wollen.
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In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren habe ich Menschen kennengelernt, die im Rollstuhl saßen, die durch Multiple Sklerose körperlich eingeschränkt waren, die mit Burnout oder Depressionen kämpften. Jeder von ihnen trug seine eigene Version von Herberts Prothese, sichtbar oder unsichtbar. Und jeder von ihnen war in der Lage, seinen Hund durchs Leben zu führen, sobald er aufhörte, auf die Erlaubnis von irgendjemand anderem zu warten.
Ich hoffe, mit dieser Geschichte all jene zu erreichen, die an ihrer eigenen Fähigkeit zu führen zweifeln, die eine eigene Stimme im Kopf mit sich tragen, die ihnen sagt, sie dürften nicht. Ja, du kannst es. Und der erste Schritt beginnt nicht auf einem Gipfel. Er beginnt auf einem ganz gewöhnlichen Weg, dreihundert Meter lang, hin und zurück.
Wenn dich diese Geschichte angesprochen hat, und du auch deinen eigenen Weg mit deinem Hund finden willst, dann schau dir unsere Seminare an. Fünf Tage, echtes Leben, dein Hund dabei.
Zu den SeminarenEckard Wulfmeyer ist Mentalcoach und Verhaltensanalyst sowie Gründer des Pfoten-Pfads in Stinstedt. Er begleitet Hundehalter dabei, ihren eigenen Weg mit ihrem Hund zu finden, fern von Methoden und Gebrauchsanweisungen.
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