Gedanken zum Pfoten-Pfad
Der egoistische Hund: ein Märchen, das es Zeit wird aufzulösen
Von Eckard Wulfmeyer, Pfoten-Pfad · Lesedauer: ca. 22 Minuten
Der Hund, der angeblich so ist
Es war einmal ein Hund. Er sprang auf die Couch, wann immer er wollte. Er ignorierte den Rückruf mit einer Gelassenheit, die fast bewundernswert war. Er fraß seinem Menschen die Hand leer, bevor das Leckerli überhaupt richtig angeboten war. Und wenn er abends zufrieden auf dem besten Platz im Wohnzimmer lag, schaute er seinen Menschen mit einem Blick an, der ungefähr sagte: Schön, dass wir das geklärt haben.
Sein Mensch sagte: Er ist halt so. Egoistisch.
Ich sage: Er ist nicht so. Er wurde so gemacht. Genauer gesagt: Er hat einen Job übernommen, den sonst niemand gemacht hat.
Es gibt Menschen, die ihren Hund einfach überallhin mitnehmen. In die Stadt, ins Café, zum Markt, in den Urlaub. Nicht weil ihr Hund perfekt trainiert ist, sondern weil sie verstanden haben, was einen Hund wirklich alltagstauglich macht. Was das ist und wie das geht, habe ich in meinem Buch So kannst du deinen Hund überallhin mitnehmen beschrieben.
Egoismus braucht ein Gewissen. Hundetrainer sagen: Hunde haben keins.
Kurz zur Theorie, damit wir uns einig sind. Egoismus im menschlichen Sinne bedeutet, die eigenen Interessen bewusst gegen die Interessen anderer abzuwägen und sich dann kalkuliert für sich selbst zu entscheiden. Das setzt moralisches Bewusstsein voraus. Ein inneres: Ich weiß, dass das für dich nicht schön ist, aber mir egal.
Hundetrainer sagen: Hunde haben dieses moralische Bewusstsein nicht, weil ihr Gehirn anders gebaut ist als unseres. Dennoch behaupten viele Hundetrainer im selben Atemzug: Hunde sind Egoisten. Ein Widerspruch, der selten jemandem auffällt. Der Verhaltensökologe Marc Bekoff hat in seinen Forschungen zur sozialen Kognition von Hunden (2002) etwas ganz anderes gezeigt: Hunde lesen ständig ihre Umgebung und passen ihre Strategien an. Ein Hund, der gelernt hat, dass Beharren funktioniert, beharrt, weil er schlau ist, und nicht, weil er egoistisch ist.
Aber Klugheit erklärt nur, wie ein Hund lernt. Sie erklärt nicht, warum er überhaupt anfängt, Regeln aufzustellen, die eigentlich seinem Menschen zustünden.
Das Vakuum
Eine Erkenntnis, die ich mir vor einiger Zeit selbst aufgeschrieben habe, bringt es auf den Punkt: Ist dein Hund nun bösartig oder gar aggressiv? Nein, ganz und gar nicht. Er hat nur ein Vakuum in eurer Beziehung gefüllt, zu dem du nicht imstande warst. Und einer muss es füllen. Wenn nicht du, dann jemand anderes.
In meinem Buch Der Pfoten-Pfad habe ich es so beschrieben: Futter geben ist keine Belohnung, es zeigt nur das Desinteresse an Erziehung und Beziehung. Die soziale Ordnung löst sich auf. Der Hund wird orientierungslos und übernimmt das entstehende Vakuum in der sozialen Ordnung. Dadurch entsteht der Eindruck beim Menschen, dass Hunde Egoisten seien, doch selbst in diesem Zusammenhang sind sie es nicht, denn sie übernehmen nur die nicht ausgefüllten Bestandteile der Beziehung. Sie handeln altruistisch. Einer muss den Job ja machen in der Gemeinschaft.
Das ist der Kern dieses Artikels, und ich möchte, dass er hängen bleibt: Wenn dein Hund sich verhält, als würde er die Regeln machen, dann liegt das selten daran, dass er nach Macht giert. Es liegt daran, dass in eurer Beziehung eine Stelle offen war, eine Führungsposition, eine Entscheidungsgewalt, eine Ordnung, und er hat sie besetzt. Nicht aus Berechnung. Aus Notwendigkeit. Weil eine soziale Gemeinschaft, und dazu gehört auch die zwischen dir und deinem Hund, ohne Ordnung nicht funktioniert, und weil irgendjemand diese Ordnung herstellen muss.
Das Putin-Shirt und drei dominante Hunde
Eine Frau fuhr mit ihrem Hund auf den Hof. Sie stieg aus, wir begrüßten uns, sie öffnete die Heckklappe ihres Autos, zeigte mir den Hund, und das erste Wort war: dominant. Noch bevor ich etwas sagen konnte, kam der Nachsatz: Ihre beiden vorigen Hunde wären auch dominant gewesen. Dazu trug sie ein rotes T-Shirt mit der weißen Aufschrift "Putin".
Ich habe in diesem Moment innerlich sehr geschmunzelt. Nicht weil ein T-Shirt lustig ist, sondern weil selten so klar auf dem Tisch liegt, was eigentlich los ist. Diese Frau sehnte sich nach Autorität. Und weil sie diese Autorität bei sich selbst nicht fand oder nicht zuließ, blieb eine Lücke offen, die ihre Hunde reihenweise gefüllt haben. Drei Hunde in Folge. Alle dominant. Kein Pech. Ein Muster.
Dominanz ist keine Genetik, keine Persönlichkeit, keine vererbte Eigenschaft. Dominanz ist etwas, das man jemandem freiwillig gibt. Und was man freiwillig gegeben hat, kann man jederzeit zurücknehmen. In einer respektvollen Beziehung gibt es ohnehin keine Dominanz, weder zum Hund noch zu Menschen, weil Respekt bedeutet, die Würde des anderen anzuerkennen, und Dominanz immer auf Kosten dieser Würde geht. Was diese Frau bei ihren Hunden sah, war keine Dominanz. Es war eine Lücke, die sie selbst offengelassen hatte, weil sie sich diese Position bei sich selbst nicht zutraute.
Der Boxer, die Couch und tausend kleine Nachgiebigkeiten
Der vierjährige Boxer, den seine Halterin als den egoistischsten Hund beschrieb, den sie je erlebt hatte. Als Welpe hatte er angefangen, auf die Couch zu springen. Sie hatte ihn heruntergesetzt. Er war wieder hochgesprungen. Sie hatte ihn wieder heruntergesetzt, aber dieses Mal mit einem kleinen Seufzer. Beim dritten Mal hatte sie gedacht: Ach, einmal ist kein einmal. Beim zwanzigsten Mal hatte sie aufgehört zu zählen.
Vier Jahre später nennt sie ihren Hund egoistisch.
Dabei hat er nur eine Frage beantwortet, die eigentlich sie hätte beantworten müssen: Wer bestimmt, wer wo sitzt. Sie hat diese Frage nie klar beantwortet, also hat er es getan. Konsequent, geduldig, mit beeindruckender Ausdauer. Das ist kein Egoismus. Das ist ein Hund, der eine offene Stelle in der Ordnung ihres gemeinsamen Lebens besetzt hat, weil sie konfliktscheu war und Harmonie ihr wichtiger war als Führung.
Wenn das Vakuum größer wird
Manchmal bleibt es nicht bei der Couch. Ich habe Fälle erlebt, bei denen ein Hund seinen Menschen nicht mehr aus der Badewanne ließ. Sobald der Mensch sich aufrichtete, begann der Hund zu knurren und die Zähne zu zeigen, und der Mensch blieb sitzen, weil die Alternative eine körperliche Auseinandersetzung gewesen wäre, die er mit ziemlicher Sicherheit verloren hätte.
In einem anderen Fall beherrschte ein Hund nachts den Flur der Wohnung. Niemand konnte hindurchgehen, ohne gebissen zu werden, auch die eigenen Kinder nicht.
Beide Male dachten die Menschen: Was für ein aggressiver, egoistischer Hund. Beide Male war es dasselbe Muster, nur weiter fortgeschritten. Eine soziale Ordnung, die sich aufgelöst hatte, weil niemand sie mehr hielt, und ein Hund, der sich genommen hat, was übrig blieb, weil in seiner Welt jemand diese Ordnung herstellen muss, und wenn nicht der Mensch, dann er.
Aggression bei einem Hund deutet fast immer auf einen missverstandenen Hund hin. Er wird vermenschlicht, in sein Verhalten werden menschliche Absichten hineininterpretiert, und am Ende steht die Aggression als letzte verzweifelte Maßnahme, eine Ordnung zu erzwingen, die niemand sonst gibt.
Abenteuer auf vier Pfoten: Warum Haltung wichtiger ist als jedes Leckerli. Für alle, die ihren Hund nicht nur besitzen, sondern als echten Partner ins Leben integrieren wollen.
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Ich möchte an dieser Stelle etwas geraderücken, das mir wichtig ist. Es klingt bisher vielleicht so, als wäre jede Leerstelle das Ergebnis von Nachlässigkeit. Das stimmt nicht. Oft entsteht sie aus den freundlichsten, verständlichsten Lebensumständen überhaupt.
Ein Ehepaar geht in den Ruhestand. Endlich Zeit, endlich das große Projekt, ein Hund aus dem Tierschutz, der erste nach Jahrzehnten. Die Vorstellung: Spaziergänge Hand in Hand, ein dankbarer Begleiter, ein harmonischer Neustart. Die Realität: ein Hund, der plötzlich im Zentrum eines Lebens steht, das zu viel Raum und zu wenig Struktur hat. Er wird zum Projekt, zum Fokus, zur emotionalen Hauptbeschäftigung. Und er übernimmt diese Rolle nicht, weil er sie will, sondern weil niemand anders sie besetzt.
Solche Leerstellen entstehen auf viele Arten. Beim Auszug der Kinder, wenn plötzlich ein Hund die Lücke füllt, die vorher eine ganze Familie ausgefüllt hat. In stillen Jahren wie der Pandemie, wenn der Hund zum einzigen Lichtpunkt in grauen Wochen wird und dadurch unweigerlich überhöht wird, von einfach dabei sein zu alles dreht sich um dich. Niemand von diesen Menschen wollte das. Es ist einfach passiert, Schritt für Schritt, aus Liebe, nicht aus Nachlässigkeit.
Was die Wissenschaft über Hunde und Selbstlosigkeit weiß
Die Verhaltensforscherin Alexandra Horowitz, Autorin von Inside of a Dog (2009), hat gezeigt, wie sehr Hunde ihre Strategien an den jeweiligen Menschen anpassen. Derselbe Hund verhält sich bei verschiedenen Menschen verschieden. Bei jemandem, der konsequent ist, liegt er ruhig. Bei jemandem, der die Ordnung offenlässt, füllt er sie. Das ist keine feste Charaktereigenschaft, das ist soziale Intelligenz, angewendet auf das, was gerade gebraucht wird. Das zeigt auch, dass in einer Familie nicht alle mit dem Hund gleich umgehen müssen, wie gerne behauptet wird. Ein Hund passt sich jedem Familienmitglied einzeln an, je nachdem, welche Ordnung diese Person ihm bietet.
Und was gebraucht wird, ist in einem funktionierenden Rudel selten Egoismus. Der deutsche Verhaltensforscher Erik Zimen hat in seinem Standardwerk Der Wolf gezeigt, wie eng verwoben das soziale Leben von Wölfen ist, wie viel gegenseitige Fürsorge, wie viel positiver Kontakt zwischen den Tieren stattfindet. Jungtiere werden von den Elterntieren teilweise bis weit über ein Jahr mit Nahrung versorgt, völlig ohne Gegenleistung. Rudelmitglieder, die selbst keine Elterntiere sind, bringen erwachsenen Jährlingen Beute von der Jagd mit. Eine koordinierte Jagd mit mehreren Tieren wäre mit einer Gruppe von Egoisten schlicht unmöglich, genauso wenig, wie eine Feuerwache voller Egoisten funktionieren würde.
Was ich damit sagen will: Der Instinkt, der einen Boxer auf die Couch treibt und den, der eine Wölfin dazu bringt, sich für ihr Rudel aufzuopfern, ist derselbe Instinkt. Er heißt nicht Egoismus. Er heißt: Für die Gemeinschaft sorgen, wenn es nötig ist. Nur zeigt er sich manchmal als Sturheit auf der Couch, und manchmal als etwas, das mich bis heute nicht kalt lässt, wenn ich daran denke.
Indie
Lisas Karriere im Schlittenhundesport begann mit Indie. Zusammen mit Edge, Magic und Django war Indie einer der ersten vier Alaskan Huskys, die Lisa aufnahm. Lisa lernte die Kunst des Mushing, wie es in der Schlittenhundewelt genannt wird, durch Selbstunterricht mit ihren vier Begleitern. Indies umfangreiche Rennerfahrung in Skandinavien, mit tausenden Kilometern unter ihren Pfoten, war Lisas Glücksfall. Sie wurde zu Lisas unschätzbarer Lehrerin und bewahrte sie oft vor möglichen Fehlern. Indie tat in jeder Situation das Richtige, auch wenn das bedeutete, gegen Lisas Anweisungen zu verstoßen. Sie dachte nicht an sich selbst, sondern an das Team, das Rudel, die Gemeinschaft.
Jeder, der Lisas erste Wochen mit den vier Huskys beobachtete, konnte sehen, wie selbstlos diese Hunde waren, und das widerlegte damit das gängige Vorurteil, dass Hunde egoistisch sind. Allein die Tatsache, dass Hunde bereitwillig gemeinsam in einem Rudel jagen, zeigt, dass sie keine Egoisten sind. Eine koordinierte Jagd wäre mit einer Gruppe von Egoisten nicht möglich.
Im Sommer 2020 war Indie trächtig. Der stolze Vater war Edge, der wegen seiner unermüdlichen Zugkraft den Spitznamen The Machine trug, egal ob es sich um einen Schlitten, einen Wagen mit Rädern oder ein Fahrrad handelte. Das Ziehen war seine Leidenschaft, und er lebte sein Leben ständig auf der Überholspur, wie ein Motor, der nie abschaltet.
Die Trächtigkeit verlief für Indie reibungslos, und am 3. Juli 2020 brachte sie sechs gesunde Welpen ohne Komplikationen zur Welt. In den nächsten zwei Tagen säugte und versorgte Indie ihre Welpen ausschließlich in der Wurfkiste. Sie verließ sie nie, nicht einmal, um sich zu erleichtern. Indie wachte streng über ihre Welpen, säugte sie, fraß ihren Kot und sorgte dafür, dass sie sauber blieben. Erst nach diesen zwei Tagen verließ sie die Wurfkiste. Sie war sich sicher, dass Lisa, die rund um die Uhr alle paar Stunden nach ihr und den Welpen schaute, auch während ihrer Abwesenheit ein Auge auf ihre Welpen haben würde.
In den kommenden Tagen entwickelten sich die Welpen prächtig. Nach dem Öffnen der Augen vergrößerten sie schnell ihren Radius und begannen, die Wurfkiste zu verlassen. Für Indie bedeutete dies einerseits mehr Stress, denn sie musste nun intensiver auf die Kleinen aufpassen. Andererseits gab sie den Welpen bereits mehr Freiheiten, damit sie eigene Erfahrungen sammeln und sich zu selbstsicheren Hunden entwickeln konnten. Sie hielt sie vorbildlich sauber, säugte sie regelmäßig und begann erste spielerische Interaktionen mit ihnen.
In den frühen Morgenstunden des 28. Juli, nach dreieinhalb Wochen, begann sich Indies Zustand zu verschlechtern. Sie wirkte apathisch und hatte keinen Appetit, aber sie bemühte sich weiter, ihre Welpen zu säugen. Es gab einen Moment, in dem sie sich sogar auf zittrige Beine stellte, damit ihr Nachwuchs ihre Zitzen erreichen konnte. Lisa wachte bei ihr, maß die Temperatur und sorgte sich um Indie.
In den frühen Morgenstunden beschlossen Lisa und ihre Tierärztin, Indie für eine gründliche Untersuchung in die Klinik zu bringen. Daher wurden die Welpen allein in ihrem Gehege gelassen, eine ganz neue Erfahrung für sie. Als Lisa in der Praxis ankam, warteten ihre Tierärztin und ihr Team bereits. Schnell wurde eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt, und es wurde festgestellt, dass sich in Indies Bauchhöhle eine große Menge Flüssigkeit befand, deren Ursache jedoch nicht bestimmt werden konnte. Während die Untersuchungen fortgesetzt wurden, erhielt Indie Medikamente, die schnell wirken sollten. In Anwesenheit von Lisa und dem Tierärzteteam verschlechterte sich Indies Zustand jedoch noch weiter, da die Medikamente nicht den gewünschten Erfolg brachten.
Es gab nur eine Möglichkeit, die Ursache herauszufinden, und das war eine schnelle Operation. Leider führte Indies geschwächter Zustand dazu, dass sie trotz des gegenteiligen Anscheins unter Narkose starb. Die erfahrene Tierärztin entdeckte eine Magenperforation in Indies Unterleib. Seit mehreren Tagen waren Magensekrete in ihre Bauchhöhle gesickert und hatten eine Entzündung im gesamten Bauchbereich verursacht. Obwohl sich Indie in den vergangenen Tagen schrecklich gefühlt haben musste, zeigte sie keine Anzeichen von Schmerz oder Unwohlsein, weil sie sich dem Wohl ihrer Welpen verpflichtet fühlte. Zu diesem Zeitpunkt wäre fast jeder andere Hund schon vor Tagen an der Menge an Eiter gestorben, der sich in ihrem Bauchraum befand. Aber Indies Begeisterung für das Leben ließ sie bis zum Ende kämpfen. Für das Leben, für ihre Nachkommen, gegen den Tod. Ihr Pflichtgefühl und ihre Verantwortung ihren Welpen gegenüber machten sie hart zu sich selbst.
Es ist schwierig, Hunde als egoistisch zu bezeichnen, wenn man gesehen hat, wie fürsorglich und hingebungsvoll Wölfe in einem Rudel miteinander umgehen, vor allem, wenn ein Mitglied verletzt ist. Selbst in einem Rudel verwilderter Hunde ist der häufigste Kommunikationssignaltyp der der sozial positiven Kontaktaufnahme, wie mehrere Verhaltensforscher, darunter Zimen und Paquet, in ihren Arbeiten beschrieben haben. Wenn man in einem solchen Rudel die hingebungsvolle Zuneigung untereinander sieht, mag man an vieles denken, aber nicht an Egoisten.
Führung beginnt nicht beim Kommando, sondern in dir selbst. Ein Buch über Klarheit, Vertrauen und das stille Versprechen zwischen Mensch und Hund.
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Als wir noch eine Hundepension betrieben, ergab es sich, dass eine alte, schwerhörige und blinde Hündin namens Juno umständehalber für ein paar Tage bei uns war. Zu ihr gesellten wir einen ausgeglichenen und sicheren Hund, Michel, der im Allgemeinen sehr aktiv und äußerst bewegungsfreudig war.
Michel brauchte nur wenige Minuten, um die Situation der alten Juno zu erfassen. Von da an nahm er sie gewissermaßen an die Pfote. Sonst rannte er immer quer durch die Pension, laut kläffend, mit dem einzigen Anliegen, unbedingt der Erste draußen sein zu wollen. Im Zusammenhang mit Juno veränderte er sofort sein Verhalten. Er wartete in Ruhe, bis Juno aus ihrem Körbchen aufgestanden war, was aufgrund ihres Alters etwas länger dauerte, ging zu ihr, stupste sie einmal an und ging dann langsam voraus, immer wieder darauf achtend, dass Juno bei ihm blieb, und zeigte ihr so den Weg nach draußen, ohne dass sie irgendwo anstieß.
Auch im Auslauf war Michel stets in ihrer Nähe. Wenn es wieder hineinging, stürmte er nicht wie sonst quer durch die Pension in sein Zimmer, sondern ging wieder langsam voraus und vergewisserte sich, dass Juno ihm dicht folgte. Wenn es Futter gab, führte er sie zu ihrem Napf und ging erst danach zu seinem eigenen. Wie kann man da noch vom egoistischen Hund reden?
Wenn du selbst gespürt hast, wie sehr dein Hund versucht hat, dich aufzuheitern, in schweren Stunden, in denen er deine Tränen aus deinem Gesicht lecken wollte, als er sich zu dir legte, um dich zu wärmen, als du krank auf dem Sofa lagst, dann hast du einen empfindsamen Hund gespürt, der dir etwas Gutes tun wollte, ohne eigenen Vorteil, ohne Egoist zu sein.
Was das mit dem Boxer und der Putin-Shirt-Frau zu tun hat
Vielleicht denkst du jetzt: Schön und gut, aber Indie und Michel sind etwas anderes als ein Hund, der auf der Couch nicht Platz macht.
Ich glaube, es ist derselbe Hund.
Der Instinkt, der Michel dazu brachte, eine blinde alte Hündin durch eine Hundepension zu führen, ist derselbe Instinkt, der den Boxer dazu brachte, die Ordnung im Wohnzimmer zu übernehmen. Beide haben registriert: Hier ist eine Lücke. Beide haben sie gefüllt. Der einzige Unterschied ist, welche Lücke sich ihnen bot. Michel traf auf eine Aufgabe, die ihm ehrenhaft erschien, eine schwache Rudelgenossin zu schützen. Der Boxer traf auf eine Lücke, die menschliche Unentschlossenheit hinterlassen hatte, wer auf der Couch sitzen darf. Derselbe Mechanismus, zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse, abhängig davon, welche Lücke der Mensch offen ließ.
Genau deshalb wirkt Lisas Kennel heute, mit weit über zwanzig Hunden, wie ein einziger ruhiger Organismus. Dort ist kein Hund König, kein Hund muss eine Lücke füllen, weil keine Lücke offen ist. Jeder Hund weiß, wo er hingehört, weil jemand diese Ordnung längst und verlässlich trägt.
Das Problem sitzt selten am anderen Ende der Leine. Dieses Buch stellt die unbequemen Fragen, und lässt dich damit allein. Das ist der Punkt.
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Selbsttest: Hast du ein Vakuum hinterlassen?
Beantworte diese fünf Fragen ehrlich. Niemand schaut zu.
Er will auf die Couch. Du sagst nein. Er schaut. Er stupst. Er legt den Kopf schief. Irgendwann sagst du: Na gut, heute Ausnahme. Wie oft ist heute Ausnahme eigentlich schon diese Woche?
Tempo beim Spaziergang, Ende der Begegnung mit anderen Hunden, wer zuerst durch die Tür geht: Wenn die ehrliche Antwort öfter dein Hund ist als dir lieb ist, weißt du, wo die Lücke liegt.
Stur, egoistisch, dominant, unbelehrbar: Klingt nach Diagnose. Ist aber eine Beschreibung von jemandem, der eine offene Stelle besetzt hat. Der Unterschied ist entscheidend, weil ein Charakter unveränderlich ist und eine besetzte Stelle wieder freigegeben werden kann.
Du weißt bereits, was er als nächstes tun wird. Du weißt, wo er ziehen wird. Und du reagierst, statt voranzugehen. Das ist Verwaltung. Führung sieht anders aus.
Zögerst du bei der Antwort? Das Zögern selbst ist bereits die Antwort.

FAQ
In gewisser Weise, ja. Was du als Egoismus erlebst, ist meistens ein Hund, der eine notwendige Funktion übernommen hat, die sonst niemand übernahm. Das ist näher an Verantwortungsbewusstsein als an Egoismus, auch wenn es sich für dich manchmal nicht so anfühlt.
Bleib. Eskalation ist Testverhalten. Der Hund prüft, ob du diesmal wirklich bereit bist, die Verantwortung zu übernehmen, die vorher bei ihm lag. Wenn du nachgibst, bestätigst du seine bisherige Rolle. Wenn du bleibst, zeigst du ihm, dass er sie abgeben darf.
Manchmal, ja, das zeigen Michel und Indie sehr deutlich. Aber die meisten Lücken, die Hunde füllen, sind Aufgaben, die eigentlich zu groß für sie sind, wie die Kontrolle über eine ganze Wohnung. Das überfordert ihn auf Dauer, auch wenn es zunächst gut zu bewältigen scheint.
Nein. Es dauert vielleicht länger, weil das Muster tiefer sitzt. Aber Hunde sind in jedem Alter anpassungsfähig. Was in eine Richtung gelernt wurde, kann in die andere gelernt werden.
Weil er bei diesen Menschen eine andere Ordnung vorfindet. Wo eine klare Führung da ist, muss er keine Lücke füllen. Das ist der deutlichste Beweis dafür, dass sein Verhalten kein Charakter ist, sondern eine Reaktion auf das, was um ihn herum fehlt oder vorhanden ist.
Der eigentliche Punkt
Dein Hund ist nicht egoistisch. Er ist derjenige geblieben, der geblieben ist, als eine Frage offen war, die eigentlich du hättest beantworten müssen.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Einladung, ihm diese Last wieder abzunehmen, nicht weil er sie schlecht getragen hat, sondern weil sie nie seine allein sein sollte.
Wenn dich dieser Artikel angesprochen hat und du wissen willst, wie das im echten Alltag aussieht, dann schau dir unsere Seminare an. Fünf Tage, echtes Leben, dein Hund dabei. Kein Lehrbuch, keine Theorie, sondern der Moment, in dem sich etwas verändert. Weil du dich veränderst.
Zu den SeminarenEckard Wulfmeyer ist Mentalcoach und Verhaltensanalyst sowie Gründer des Pfoten-Pfads in Stinstedt. Er begleitet Hundehalter dabei, ihren eigenen Weg mit ihrem Hund zu finden, fern von Methoden und Gebrauchsanweisungen.
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