Gedanken zum Pfoten-Pfad
Er suchte Führung und bekam sie

Von Eckard Wulfmeyer, Pfoten-Pfad · Lesedauer: ca. 11 Minuten
Ein Mann, ein Hund, ein Wunsch
Ich kannte ihn flüchtig, einer von diesen Menschen, denen man gelegentlich begegnet. Ein kurzes Nicken, Small Talk über das Wetter, über die Straße, über irgendetwas, das keine weitere Bedeutung hat. Manchmal aber ging der Small Talk in eine andere Richtung, und dann sprach er davon, dass Deutschland endlich wieder einen Führer bräuchte. Jemanden, der aufräumt und die Dinge wieder in Ordnung bringt. Der dafür sorgt, dass es endlich wieder bergauf geht, statt immer den Bach runter.
Ich hörte zu, nickte gelegentlich, und dachte mir meinen Teil.
Und dann, eines Tages, sprach er mich gezielt an. Er hatte gehört, ich sei Hundetrainer. Ich überlegte kurz, ob ich das richtigstellen sollte, denn ich bin kein Hundetrainer, sondern Mentalcoach und Verhaltensanalyst, aber ich ahnte, dass diese Unterscheidung das Gespräch in eine Richtung gelenkt hätte, die uns beide nicht weitergebracht hätte. Also hörte ich zu.
Er hatte einen neuen Hund. Gerettet aus Bayern (kein Quatsch!). "Ein ganz Süßer", sagte er, mit dem Tonfall eines Mannes, der sich selbst gerade noch rechtzeitig zusammenreißt, um nicht ins Schwärmen zu geraten. Ein paar Tage war alles wunderbar, doch dann fing es an.
Der Süße aus Bayern macht Karriere
Zunächst war es das Weglaufen. Der Mann war anfangs ohne Leine mit ihm draußen gewesen, der Hund blieb in der Nähe, alles schien gut. Und dann haute er ab, einfach so, ohne erkennbaren Grund. Der Hund zeigte auf simple Art und Weise, dass er lieber woanders ist, als bei diesen Menschen. Er nutzte die Gelegenheit, um zu entkommen. Doch die Nachbarn brachten ihn zurück, einmal, zweimal, öfter. Der Mann begann, die Leine zu benutzen.
Dann fing es in der Wohnung an. Aus dem Nichts schoss der Hund unter Tischen und Stühlen hervor und biss in Fersen und Unterschenkel. Jeder, der durch den Raum ging, wurde zum Ziel. Die Familie hatte sich eine Lösung erarbeitet, die so pragmatisch war, dass man fast Respekt dafür haben musste: Sie trugen seitdem immer ein Spielzeug bei sich, denn wenn das Spielzeug da war, biss der Hund ins Spielzeug und nicht ins Bein.
Er fragte mich, was man da machen könnte. Ich dachte kurz nach. Dann sagte ich: "Freu dich doch. Du hast den Führer, den du dir immer gewünscht hast, nun bei dir zu Hause. Einer der aufräumt und durchgreift."
Er schaute mich an. Erst ungläubig. Dann etwas weniger ungläubig. Dann gar nicht mehr.
Was dieser Satz bedeutet
Ich meine das vollkommen ernst, auch wenn es wie ein Witz klingt.
Dieser Mann hatte jahrelang nach einer Kraft gerufen, die Ordnung herstellt, die Entscheidungen trifft, die sagt, wo es langgeht, und die sich dabei von niemandem aufhalten lässt. Er hatte diese Sehnsucht nach Führung in die große Politik projiziert, weil er sie in seinem eigenen Leben vermutlich nie wirklich kennengelernt oder nie wirklich geübt hatte. Und dann kam ein Hund aus Bayern in seine Wohnung. Ein sozialer Organismus, der, wie alle sozialen Organismen, in einer Lebensgemeinschaft Führung sucht. Der registriert, wer Entscheidungen trifft, wer die Richtung vorgibt, wer verlässlich und klar ist. Und der, wenn er niemanden findet, der diese Rolle ausfüllt, sie selbst übernimmt. Mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen.
Der amerikanische Verhaltensökologe Marc Bekoff hat in seinen Forschungen zur sozialen Kognition von Hunden (2002) gezeigt, dass Hunde ständig die sozialen Strukturen ihrer Umgebung lesen und sich entsprechend positionieren. Ein Hund in einer Gruppe ohne klare Führung übernimmt nicht aus Bosheit die Initiative. Er übernimmt, weil soziale Gruppen Struktur brauchen, und weil er derjenige ist, der bereit ist, diese Struktur herzustellen.
Der Hund aus Bayern war bereit. Der Mann war es offenbar nicht.
Die Spielzeug-Lösung und was sie verrät
Ich möchte kurz bei dem Spielzeug bleiben, weil es so viel erzählt.
Die Familie hatte herausgefunden, dass der Hund ins Spielzeug beißt, wenn man ihm eines hinhält, anstatt in die Beine. Das funktioniert. Technisch gesehen ist das eine Form von Ablenkung, die kurzfristig Erleichterung schafft. Aber denk kurz darüber nach, was da eigentlich passiert. Die Menschen in dieser Wohnung haben ihr Verhalten an den Hund angepasst. Sie tragen Spielzeug bei sich, damit der Hund sie in Ruhe lässt. Sie sind nicht mehr frei, durch ihren eigenen Flur zu gehen, ohne vorher die Ausrüstung zu überprüfen. Der Hund hat die Regeln dieser Wohnung definiert. Er hat entschieden, wer wann wie durch welchen Raum geht. Und er hat eine Lösung implementiert, die seinen Menschen Sicherheit gibt, solange sie sich an seine Bedingungen halten.
Das ist Führung. Klare, konsequente, durchgesetzte Führung. Genau das, was der Mann sich immer gewünscht hatte.
Der dänische Familientherapeut und Pädagoge Jesper Juul hat in seinem Werk beschrieben, wie Kinder in einem Vakuum von Führung beginnen, selbst Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen, die eigentlich nicht ihre sind. Das überfordert sie, macht sie unruhig, treibt sie zu Verhaltensweisen, die von außen wie Trotz oder Aggression wirken, aber in Wirklichkeit der verzweifelte Versuch sind, Ordnung in eine Situation zu bringen, die keine hat. Was Juul über Kinder schreibt, findet sich im Zusammenleben mit Hunden mit erschreckender Regelmäßigkeit wieder.
Ein realer Fall, der kein Einzelfall ist
Dieser Mann und sein Hund aus Bayern sind kein Einzelfall. Die Details variieren, die Struktur bleibt dieselbe.
Ich erinnere mich an eine Frau, die ihren Hund als unberechenbar beschrieb. Er lag stundenlang ruhig, und dann, aus dem Nichts, schnappte er nach jemandem. Sie hatte keinen erkennbaren Auslöser gefunden. Also hatte sie begonnen, durch Ausprobieren sich so zu verhalten, dass sie möglichst wenig Anlass zum Schnappen bot. Sie ging leise durch die Wohnung, vermied plötzliche Bewegungen, sprach den Hund immer zuerst an, bevor sie ihn anfasste. Sie hatte ihr gesamtes Verhalten in ihrer eigenen Wohnung an den Hund angepasst.
Als ich fragte, wer eigentlich die Entscheidungen in dieser Wohnung traf, schaute sie mich kurz an. Dann sagte sie: "Ich glaube, er."
Das war der Ausgangspunkt. Der Hund war nicht unberechenbar. Er war sehr berechenbar, für jeden, der die Struktur verstand, die sich in dieser Wohnung gebildet hatte. Er hatte gelernt, dass seine Reaktionen das Verhalten seiner Menschen formten, und er hatte diese Erkenntnis konsequent genutzt. Das ist keine Aggression. Das ist soziale Intelligenz, eingesetzt in einem Umfeld, das keine andere Struktur angeboten hatte.
Was Führung wirklich ist
Hier möchte ich etwas klarstellen, weil das Wort „Führung" in dem Moment, in dem es politisch aufgeladen ist, leicht missverstanden wird.
Führung im Zusammenleben mit einem Hund hat nichts zu tun mit dem, wonach dieser Mann politisch gerufen hatte. Es geht weder um Macht noch um Kontrolle, weder um Unterwerfung noch um Härte. Führung im Sinne einer gesunden Mensch-Hund-Beziehung bedeutet, dass du weißt, was du willst, dass du das klar kommunizierst, und dass du verlässlich und konsequent dabei bleibst.
Der Bindungsforscher Ádám Miklósi von der Eötvös-Loránd-Universität Budapest hat in Dog: Behaviour, Evolution, and Cognition (2007) gezeigt, dass Hunde außerordentlich gut darin sind, menschliche Absichten zu lesen, und dass sie sich an Menschen orientieren, die klare und verlässliche Signale senden. Ein Hund folgt keinem Menschen, weil er Angst vor ihm hat. Er folgt einem Menschen, weil er ihm vertraut, weil er weiß, was er von ihm zu erwarten hat, und weil dieser Mensch bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, die Führung mit sich bringt.
Das ist das Gegenteil von dem, was dieser Mann sich unter Führung vorgestellt hatte. Und es ist genau das, was sein Hund von ihm brauchte und nicht bekam.

Selbsttest: Wer führt in deiner Wohnung?
Beantworte diese fünf Fragen ehrlich.
Gibt es Bereiche, Zeiten oder Situationen, in denen du dein Verhalten an deinen Hund angepasst hast, weil es einfacher ist als die Alternative? Und weißt du, was das auf Dauer bedeutet?
Das ist kein Trainingstipp. Das ist ein Symptom. Die Frage dahinter ist: Was passiert, wenn du das Spielzeug eines Tages nicht dabei hast?
Wenn er bellt, gibst du nach. Wenn er springt, weichst du aus. Wenn er zieht, folgst du. Wer formt hier wessen Verhalten?
Das ist eine ungewöhnliche Frage, und sie ist trotzdem ernst gemeint. Was du dir von der Welt wünschst, musst du bereit sein, in deinem eigenen Umfeld auch zu geben.
Führung und Verhandlung sind zwei verschiedene Dinge. Beides kann funktionieren, aber nur eines davon gibt deinem Hund das, was er wirklich braucht.

FAQ
Hunde beißen fast nie wirklich aus dem Nichts. Was wie ein plötzlicher Angriff wirkt, ist meistens das Ende einer Kommunikationskette, deren frühere Glieder wir übersehen oder ignoriert haben. Die Frage ist, was in den Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen vor dem Biss passiert oder nicht passiert ist, und wer in diesem Moment die Initiative hatte.
Als Notlösung in einem konkreten Moment ist das vollkommen verständlich. Als Dauerlösung beschreibt es ein Problem als Symptom, weil es bedeutet, dass du dein Verhalten dauerhaft an seinen Zustand angepasst hast, anstatt den Zustand und damit die Ursache für das Symptom selbst zu verändern.
Ja, und er tut es oft ohne dass die Familie es merkt. Führung muss nicht laut sein, um zu wirken. Ein Hund, der leise und konsequent die Reaktionen seiner Menschen formt, führt genauso effektiv wie einer, der lautstark dominiert.
Alles. Hunde orientieren sich an Menschen, die wissen, was sie wollen, die das klar kommunizieren und die dabei verlässlich bleiben. Wer selbst keine klare innere Haltung hat, gibt seinem Hund kein Signal, an dem er sich orientieren kann. Das Vakuum füllt der Hund.
Mit einer einzigen Entscheidung, die du triffst und bei der du bleibst. Dann mit der nächsten. Führung ist keine Technik, die man anwendet. Sie ist eine Haltung, die man einnimmt und die sich durch konsequentes Handeln in der Beziehung aufbaut.
Gerade dann. Ein Hund mit schwieriger Vergangenheit benötigt einen stabilen Menschen, der verlässlich ist, der weiß, was er will. Er benötigt eine sichere Basis, und sichere Basen entstehen durch Klarheit, durch Konsequenz und durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Fang mit der ehrlichsten Antwort an, die du geben kannst: Ich bin gerade dabei, das herauszufinden. Alles andere ist meistens zu früh.
Was bleibt
Ich weiß nicht, was der Mann mit dem Hund aus Bayern gemacht hat. Wir haben uns nach diesem Gespräch nicht mehr getroffen, jedenfalls nicht in einem Kontext, in dem das Thema abermals aufgekommen wäre.
Aber ich denke manchmal an ihn. An den Hund, der in die Fersen biss. An die Familie, die mit Spielzeug durch die Wohnung lief. An die Sehnsucht nach Ordnung, die in so vielen Menschen steckt, und daran, wie selten diese Sehnsucht in die Richtung zeigt, in die sie eigentlich zeigen müsste: nach innen.
Führung beginnt bei dir. Immer. Ob mit einem Hund, mit Kindern, mit Kollegen oder mit dem eigenen Leben. Wer Ordnung in der Welt will, muss bereit sein, sie zuerst in seinem eigenen Umfeld herzustellen. Mit Klarheit, mit Konsequenz, mit der Bereitschaft, auch dann dabei zu bleiben, wenn es unbequem wird.
Dein Hund wartet darauf. Er hat die ganze Zeit gewartet.
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Zu den SeminarenEckard Wulfmeyer ist Mentalcoach und Verhaltensanalyst sowie Gründer des Pfoten-Pfads in Stinstedt. Er begleitet Hundehalter dabei, ihren eigenen Weg mit ihrem Hund zu finden, fern von Methoden und Gebrauchsanweisungen.
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