Gedanken zum Pfoten-Pfad
Was ein Fahrradkorb über unser Denken verrät

Von Eckard Wulfmeyer, Pfoten-Pfad · Lesedauer: ca. 15 Minuten
Auf dem Foto sitzt Elin ganz still im Korb meines Fahrrads, den Blick fest auf die Kamera gerichtet, hinter ihr ein See wie aus Glas. Ein Bild, das eigentlich nichts weiter zeigt als einen zufriedenen Hund an einem schönen Morgen. Und trotzdem hat genau dieses Bild einen der besten Dialoge ausgelöst, den ich seit langem geführt habe.
Ich hatte es in meinem WhatsApp-Status gestellt und Karsten hat es gesehen. Was dann folgte, zeige ich dir komplett, weil es besser erklärt, worum es in diesem Artikel geht, als ich es mit tausend eigenen Worten könnte.
Genau das ist mein Freund Karsten. Ingenieur durch und durch, mit einem Gehirn, das automatisch Absprunghöhen berechnet, während meins automatisch fragt: Vertraut sie mir?
Elin kann gar nichts passieren
Fangen wir bei Elin an, denn ihr wird niemand gerecht, wenn wir sie nur als physikalisches Rechenbeispiel behandeln.
Elin ist eine kleine Isländerin, voller Energie und mit einem ausgeprägten Forscherdrang. Wer sie kennt, weiß, dass in ihr jede Menge Neugier steckt, gepaart mit einem bemerkenswert guten Gespür dafür, was gefährlich ist und was nicht. Dieses Gespür kommt nicht von allein. Ich habe ihr als jungen Hund das Leben erklärt, so gut ich als Mensch das eben kann. Elin weiß, was ein herannahendes Auto bedeutet, dass sie nicht einfach irgendwohin rennen soll, dass Höhe Vorsicht verlangt und dass sie sich auf mich verlassen kann.
Als ich sie zum ersten Mal in den Korb gesetzt habe, sprang sie tatsächlich dreimal wieder heraus. Kein Sturz, kein Drama, wir standen auf dem Sandplatz der Pferde, einfach nur eine kleine Hündin, die noch nicht verstanden hatte, was da eigentlich mit ihr passierte. Beim vierten Mal überlegte sie sich offenbar eine neue Strategie statt herauszuspringen: Sie blieb sitzen. Und dann, nach ein paar Metern, verstand sie etwas, das viel wichtiger war als die Physik der Absprunghöhe: Dieser Korb bedeutet keine Gefahr. Er bedeutet, dass sie überallhin mitdarf.
Genau darum geht es in meinem Buch So kannst du deinen Hund überallhin mitnehmen übrigens auch. Nicht um Technik, sondern um dieses eine Gefühl, das ein Hund braucht, um wirklich überall dabei sein zu können: Vertrauen in seinen Menschen.
Abenteuer auf vier Pfoten: Warum Haltung wichtiger ist als jedes Leckerli. Für alle, die ihren Hund nicht nur besitzen, sondern als echten Partner ins Leben integrieren wollen.
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Karsten hat mit seiner Berechnung recht. Die Absprunghöhe ist real, die kurzen Beine sind real, das Gewicht auch, wenn man das Fell mal wegrechnet, wie er selbst schmunzelnd zugegeben hat. Sein Gehirn tut in diesem Moment genau das, wofür es gebaut ist. Es sieht ein potenzielles Risiko und beginnt sofort zu rechnen.
Im selben Augenblick macht mein Gehirn etwas anderes. Es fragt nicht nach Zentimetern und Kilogramm. Es fragt: Vertraut sie mir? Hat sie gelernt, dass sie sitzen bleiben kann, ihr nichts passiert, wenn ich es ihr sage? Selbst wenn sich das Rad mit Korb und Elin schnell über eine holprige Straße bewegt? Wenn all das mit Ja beantwortet ist, dann ist die Absprunghöhe für mich keine relevante Größe mehr.
Zwei Menschen, ein Foto, zwei völlig unterschiedliche erste Gedanken. Und beide sind richtig, jeder auf seine Weise.
Ich will an dieser Stelle ehrlich sein, denn es wäre zu einfach, jetzt zu behaupten, ich sei der entspannte Vertrauensmensch und Karsten der ängstliche Rechner. So ist es nämlich nicht. Ich selbst ertappe mich regelmäßig dabei, wie ich zu Lisa hinüberschaue, wenn sie mit ihrem Husky-Gespann durch das winterliche Lappland fährt, bei Dunkelheit, bei Sturm, mit bis zu zwölf Hunden, die alle ihren eigenen Kopf haben, und in mir dann genau dieses technische Gehirn anspringt, das Karsten beschreibt. Ich beneide sie manchmal um ihre Unbeschwertheit. Sie stürzt sich in Situationen, über die ich erst einmal drei Runden nachdenken würde.
Das bedeutet: Wir sind nicht der eine oder der andere Typ. Wir sind je nach Situation, je nach Erfahrung und je nach Thema mal der eine, mal der andere.
Warum wir so unterschiedlich denken
Die eigentlich interessante Frage lautet also nicht, wer recht hat. Die Frage ist: Warum entwickeln Menschen überhaupt so unterschiedliche Denkweisen?
Drei Dinge spielen dabei zusammen.
Das erste ist Talent. Manche Menschen haben ein Gehirn, das von Natur aus analytisch, technisch und detailorientiert arbeitet, so wie Karsten als Ingenieur. Das ist keine Schwäche, sondern eine echte Stärke, die in vielen Situationen des Lebens unbezahlbar ist. Dasselbe Gehirn, das eine Absprunghöhe berechnet, konstruiert auch Brücken, die halten.
Das zweite ist Sozialisierung. Wie wir mit Risiko, mit Kontrolle und mit Vertrauen umgehen, lernen wir früh, meistens ohne es zu merken. Ein Kind, das mit ängstlichen Eltern aufwächst, übernimmt oft deren Muster. Ein Kind, das erlebt, dass die Welt im Großen und Ganzen gutartig ist, entwickelt eine andere Grundhaltung. Das gilt übrigens genauso für Hunde, wie wir bei den sogenannten Gewitterhunden immer wieder sehen. Kein Hund kommt mit Angst vor Donner auf die Welt. Er schaut sich diese Angst bei seinen Menschen ab, oder es gab eine entsprechende Erfahrung.
Das dritte ist vermutlich das wichtigste von allen: etwas, das die Psychologie Selbstwirksamkeit nennt. Der amerikanische Psychologe Albert Bandura hat dieses Konzept in den 1970er Jahren entwickelt, und es beschreibt etwas sehr Konkretes: das Gefühl, durch eigenes Handeln tatsächlich etwas bewirken zu können. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit trauen sich zu, mit dem umzugehen, was kommt. Menschen mit niedriger Selbstwirksamkeit rechnen eher mit dem Schlimmsten, weil sie sich selbst weniger zutrauen, im Ernstfall angemessen reagieren zu können.
Bandura hat beschrieben, wie Selbstwirksamkeit entsteht. Am stärksten wirkt die eigene Erfahrung, also etwas gewagt und gemerkt zu haben, dass es gut ausgegangen ist. Fast genauso wirksam ist das Beobachten anderer, die etwas erfolgreich gemeistert haben. Und auch der Zuspruch von Menschen, denen wir vertrauen, spielt eine Rolle.
Bei uns auf dem Pfoten-Pfad sagen wir es etwas einfacher: Was beim Menschen Selbstwirksamkeit heißt, nennen wir beim Hund Vertrauen. Elin, die dreimal aus dem Korb sprang und beim vierten Mal sitzen blieb, hat sich in diesem Moment ihre eigene kleine Form davon erarbeitet. Sie hat erlebt, dass nichts Schlimmes passiert, und dieses Erleben wiegt mehr als jede Erklärung.
Jörgs Nachricht
Manchmal bekomme ich Nachrichten, die genau diesen Prozess in Echtzeit zeigen. Vor kurzem schrieb mir Jörg. Er war nie in einem unserer Seminare. Er hat vor zwei, drei Jahren einige meiner Bücher gelesen. Und diese Bücher haben bei ihm offenbar etwas in Bewegung gesetzt.
Zwei Geschichten von unserer Runde gestern Abend.
Es war viel zu warm, deshalb weniger gehen, mehr gucken. Wir haben uns auf eine Wiese gesetzt und einfach nur in die Gegend geguckt. Käthe kam erst Kuscheln, wälzte sich dann ein Stück entfernt im Gras und blieb dort liegen. Einige Zeit später wurde eine Frau von einem Labrador an der Wiese vorbeigezogen. Man konnte sehen, dass sie keine unerwarteten Hundebegegnungen mochte. Aber sie war routiniert: In Sekundenbruchteilen war die Leine auf das Mindestmaß Hand-Hund eingekürzt, der Hund auf die uns abgewandte Wegseite gezerrt und mit dem Knie dort gehalten. Selbst beim Weitergehen, das erinnerte irgendwie an Monty Python. Die Anzahl der Leckerlie erhöhte sich auf vier Stück pro Meter. Irgendwann waren sie vorbei, der Hund bekam noch ein paar Leckerlie als Belohnung und wir hatten wieder unsere Ruhe. Ich schaute Käthe an und zuckte mit den Schultern. Ich bin mir sicher, dass sie genauso geantwortet hat.
Nach einiger Zeit begann Käthe, die nähere Umgebung zu erkunden. Ich legte mich ins Gras und träumte den Wolken nach. Käthe kam kurz zum Kuscheln und erkundete dann weiter. Nach einiger Zeit wurde ich durch ihre nasse Nase an meiner Wange geweckt.
Es ist schön, wenn der erste Gedanke nicht „Oh Gott, was hätte passieren können!", sondern „Ach, wie toll!" ist.
So, noch ist es kühl, wir gehen jetzt los zum gemeinsamen Morgen-genießen.
Ich habe diese Nachricht mehrmals gelesen, weil so viel darin steckt.
Jörg erzählt zwei Geschichten in einer. Die erste handelt von der Frau mit dem Labrador, routiniert, hochkonzentriert, jede Begegnung im Griff, mit einer Leckerli-Dichte, die für sich genommen schon eine kleine Studie wert wäre. Die zweite Geschichte handelt von ihm selbst, der im Gras liegt, den Wolken nachschaut und aufwacht, weil ihn eine nasse Nase begrüßt. Und dann schreibt er den Satz, der mich am meisten berührt hat: dass sein erster Gedanke nicht die Katastrophe war, sondern die Freude.
Das ist bemerkenswert, denn Jörg war früher genau die Frau mit dem Labrador. Er selbst hat mir erzählt, dass er vor seinen Büchern jemand war, der überall Gefahren gesehen hat, der Situationen zerdacht hat, bevor sie überhaupt entstehen konnten. In der Frau auf der Wiese hat er sein eigenes früheres Ich wiedererkannt, während er ihr zuschaute.
Was ist bei Jörg passiert? Genau das, was Bandura als zweite starke Quelle von Selbstwirksamkeit beschreibt: das Lesen über und Beobachten von jemandem, der etwas anders macht und damit erfolgreich ist. Meine Bücher haben ihm gezeigt, dass es einen anderen Weg gibt. Und dann kam das Entscheidende dazu, das, was Bandura die wirksamste Quelle überhaupt nennt: die eigene Erfahrung. Jörg ist selbst losgegangen, hat es ausprobiert, hat seinen Hund erkunden lassen, hat sich ins Gras gelegt und ist immer wieder mit einer nassen Nase statt mit einer Katastrophe aufgewacht. Nach genug solcher Erfahrungen verändert sich der erste Gedanke von ganz allein.
Führung beginnt nicht beim Kommando, sondern in dir selbst. Ein Buch über Klarheit, Vertrauen und das stille Versprechen zwischen Mensch und Hund.
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Vielleicht liest du das und erkennst dich eher in Karsten wieder als in mir, oder eher in der Frau mit dem Labrador als in Jörg heute. Das ist überhaupt kein Grund zur Sorge.
Ein technisches, analytisches, vorsichtiges Gehirn ist keine Fehlfunktion. Es ist eine Stärke, die dir in vielen Bereichen deines Lebens gute Dienste leistet. Die Frage ist nur, ob du diese Stärke auch dort einsetzt, wo sie eigentlich gar nicht gebraucht wird, wo sie dich und deinen Hund eher bremst als schützt.
Der Weg von dort zu mehr Vertrauen führt selten über einen einzigen großen Sprung. Er führt über kleine, wiederholte Erfahrungen, die zeigen: Es ist gut ausgegangen. Genauso wie Elin, die den Korb erst nach dem vierten Versuch akzeptierte. Genauso wie Jörg, der nicht nach einem Buch fertig verändert war, sondern nach vielen kleinen Nachmittagen im Gras.
Deine Vorsicht solltest du dabei nicht einfach abschalten, denn nicht jede Sorge ist unbegründet. Es gibt einen Unterschied zwischen echter Intuition, die dich vor tatsächlicher Gefahr warnt, und einem pessimistischen Gedankenkarussell, das sich nur das Schlimmste ausmalt, ohne dass es einen echten Anlass dafür gibt. Echte Warnsignale fühlen sich anders an. Sie sind präsent und konkret. Katastrophengedanken hingegen kreisen meistens nur um „Was wäre, wenn", ohne dass jemals etwas Vergleichbares tatsächlich passiert ist.
Das Problem sitzt selten am anderen Ende der Leine. Dieses Buch stellt die unbequemen Fragen, und lässt dich damit allein. Das ist der Punkt.
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Nein. Analytisches Denken ist eine echte Stärke und in vielen Situationen genau das Richtige. Die Frage ist nicht, ob du so denkst, sondern ob dieses Denken dich manchmal von Erfahrungen abhält, die dir und deinem Hund guttun würden.
Bei Jörg hat es Jahre gedauert, aber es waren keine anstrengenden Jahre, sondern viele kleine, angenehme Nachmittage. Selbstwirksamkeit baut sich Schritt für Schritt auf, nicht über Nacht, aber auch nicht über eine gefühlte Ewigkeit. In unseren Seminaren erleben wir dieses Umdenken manchmal innerhalb von zwei bis drei Tagen.
Ja, sehr genau sogar. Hunde reagieren weniger auf das, was wir sagen, als auf das, was wir ausstrahlen. Deine innere Anspannung überträgt sich, auch wenn deine Stimme ruhig klingt.
Im Gegenteil. Es geht darum, echte Warnsignale von reinen Katastrophengedanken zu unterscheiden. Vorsicht, die auf tatsächlichen Beobachtungen beruht, ist wertvoll. Vorsicht, die sich nur das Schlimmste ausmalt, ohne dass es dafür einen Anlass gibt, kostet dir und deinem Hund unnötig Lebensqualität.
Was bleibt
Elin sitzt heute in diesem Korb, als hätte sie nie etwas anderes getan. Die Absprunghöhe hat sich nicht verändert. Ihre Beine sind immer noch kurz. Verändert hat sich nur, was in ihrem Kopf passiert, wenn sie hineinsteigt.
Genau das ist die Einladung, die ich dir mit diesem Artikel machen möchte. Ich möchte dich nicht dazu bringen, deinen analytischen Kopf abzuschalten. Sondern dazu, ihn dort ruhen zu lassen, wo Vertrauen längst verdient wurde.
Wenn dich dieser Artikel angesprochen hat und du wissen willst, wie das im echten Alltag aussieht, dann schau dir unsere Seminare an. Fünf Tage, echtes Leben, dein Hund dabei. Kein Lehrbuch, keine Theorie, sondern der Moment, in dem sich etwas verändert. Weil du dich veränderst.
Zu den SeminarenEckard Wulfmeyer ist Mentalcoach und Verhaltensanalyst sowie Gründer des Pfoten-Pfads in Stinstedt. Er begleitet Hundehalter dabei, ihren eigenen Weg mit ihrem Hund zu finden, fern von Methoden und Gebrauchsanweisungen.
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https://www.pfoten-pfad.de/blog
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