Gedanken zum Pfoten-Pfad
Hundehalter vermeiden Fehler, Musher nutzen sie

Hundehalter sind oft die Volkshochschulkinder der Hundeszene: fleißig, gewissenhaft, methodentreu. Sie lernen, dass jede Bewegung, jedes Kommando und jeder Handgriff exakt sitzen muss, damit der Hund später zuverlässig funktioniert. Aus dieser Sorgfalt entsteht Präzision, und aus der Präzision entsteht… nun ja, leider oft Langsamkeit. Denn wer Perfektion anstrebt, lässt sich nur ungern auf das Ungeplante ein. Und alles, was ungeplant ist, fühlt sich schnell nach „Fehler“ an. Doch die Wahrheit ist: Hunde benötigen weniger Perfektion, als wir glauben. Und mehr Mut, als wir aufbringen.
In der Welt der Musher (Schlittenhundesportler) ist Mut nicht die Ausnahme, er ist Alltag. Musher sind Autodidakten. Seit Jahrhunderten haben sie gelernt, dass man mit einem Hund keine Sanduhr stellen kann. Ein Hund verändert sich. Ein Tag verändert sich. Schnee verändert sich. Und deshalb ist Musher-Sein weniger eine Ausbildung als ein lebender Prozess: ausprobieren, scheitern, lachen, fluchen, wieder probieren. Kein Musher ruft nach einer Step-by-Step-Anleitung. Er ruft nach seinem Gefühl und der Hund antwortet.
Ein Musher nimmt den Hund, setzt sich auf das Rad oder stellt sich auf den Schlitten oder Wagen und fährt los. Keine große Wissenschaft, keine mentalen Vorbereitungskurse, keine Angst vor Fehlern. Der Hund lernt im Tun, und der Mensch lernt gleich mit. Man könnte sagen: Wo der Hundehalter noch nachdenkt, hat der Musher schon wieder zehn Fehler gemacht und aus acht davon gelernt.
Teilnehmer unserer
Wochenseminare
haben es oft gesehen, wenn Lisa ihren Hund nimmt, nach der Leine greift, nur nach vorne schaut, losgeht und der eben noch an der Leine zerrende Hund brav ist und einfach mit ihr mitgeht. Oder der Hund, der uns als Leinenrambo vorgestellt wird, der sich auf alle anderen Hunde stürzt, sitzt brav abwartend neben Lisa, während um sie herum drei von unseren Hunden fangen spielen.
Vor allem aber haben Musher etwas, das vielen Deutschen fehlt: Vorstellungskraft.
Wir haben in Deutschland ein strukturelles Problem mit Visionen. Alles, was nach „größer denken“ klingt, wird bei uns schnell in eine Schublade gesteckt, irgendwo zwischen „unseriös“ und „leicht größenwahnsinnig“. Doch Visionen, das Große Ganze, sind in der Arbeit mit Hunden essenziell. Sie halten die Beziehung lebendig, wenn noch nichts funktioniert. Sie erlauben, das zu sehen, was ein Hund werden kann, nicht nur das, was er heute ist.
Ein Musher sieht im jungen, wilden Rüden keinen Problemhund, sondern einen potenziellen Lead Dog. Ein Hundehalter sieht erst einmal Übungsbedarf, Trainingsplan, Leinenmanagement. Beide haben recht, aber nur einer arbeitet mit dem, was möglich ist, nicht nur mit dem, was vor ihm steht.
Beides hat Stärken. Beides hat Schwächen. Doch die größte Schwäche der deutschen Hundeschulwelt ist ihre Unflexibilität. Genauigkeit ist eine deutsche Tugend, aber Flexibilität ist der natürliche Feind der Genauigkeit. Und Hunde sind reine Flexibilität. Sie sind Tagesformen, Stimmungen, Energielevel. Sie sind Wind, Wetter, Überraschung. Sie sind nichts für starre Systeme. Auch deswegen liebe ich Hunde.
Ein Rennen in Franken. Ein Hundesportler hatte einen wunderbaren, schnellen Hund, aber er kam nicht vom Start weg. Der Hund zögerte, schaute zurück, wartete. Der Sportler rief Kommandos, wie aus dem Lehrbuch. Nichts passierte. Nach ihm startete eine Musherin. Sie nahm ihren Hund, machte eine kleine Geste, kaum sichtbar, stieg auf das Rad, fuhr los und der Hund zog an. Der Hund folgte einfach. Kein Kommando, keine Diskussion, keine Methode. Nur Beziehung. Das ist die Welt der Musher: weniger sagen, mehr spüren. Weniger kontrollieren, mehr führen. Weniger wissen, mehr vertrauen. Und das ist der Punkt, an dem sich beide Welten trennen, die der Hundeschulen und die vom Pfoten-Pfad.
Hundehalter gehen den Weg der geplanten Pädagogik. Musher gehen den Weg der gelebten Beziehung.
Der Hundehalter arbeitet am Hund. Der Musher arbeitet mit dem Hund.
Der Hundehalter wartet, bis alles stimmt. Der Musher geht los und macht es stimmig.
Und das bedeutet nicht, dass einer besser wäre. Aber es bedeutet, dass manche Wege lebendiger sind als andere. Die Musher-Welt erinnert uns an etwas, das wir in Deutschland ein wenig verlernt haben: Fehler sind kein Problem, Perfektion ist kein Ziel, Vision ist keine Schande. Und ein Hund ist kein Projekt, sondern ein Begleiter, ein Spaßbringer.
Vielleicht benötigen wir weniger Konditionierungslogik und mehr Mut zum Ausprobieren. Weniger Angst vor Imperfektion und mehr Freude am Weg. Weniger Volkshochschule und mehr Autodidakt im Herzen. Denn der Hund interessiert sich nicht für unsere Zertifikate. Er interessiert sich für unseren Willen, unsere Klarheit und für unsere Bereitschaft, mit ihm in Bewegung zu kommen.
Und wenn wir das zulassen, entsteht etwas, das keine Methode und kein Training der Welt lehren kann: Führung, die aus Beziehung kommt, nicht aus Perfektion.
Manche Dinge lassen sich nicht erklären.
Sie werden erst klar, wenn man sie erlebt.
In den Wochenseminaren geht es genau darum. Nicht um Lernen im klassischen Sinn, sondern um Erfahrung. Um Bewegung, Präsenz und darum, Führung im eigenen Körper spürbar werden zu lassen – draußen, gemeinsam, ohne Inszenierung.
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du nicht noch mehr Wissen suchst, sondern Klarheit, dann könnte ein Wochenseminar ein stimmiger nächster Schritt sein.









