Gedanken zum Pfoten-Pfad
Der böse Hund?
Warum wir aufhören müssen, asoziales Verhalten schönzureden

Wenn dein Hund dich an der Leine durch die Gegend zieht und dir die Schulter wehtut, wenn du vielleicht sogar schon gestürzt bist, dann ist das rücksichtsloses Verhalten. Er verhält sich so, ohne Rücksicht auf Verluste, weil er es will.
Um es klar zu sagen: Rücksichtsloses Verhalten ist böse. Und es wird in unserer Gesellschaft als böse bezeichnet.
Das klingt hart. Vielleicht sogar zu hart. Aber lassen wir uns einen Moment auf diesen Gedanken ein.
Das Märchen vom unwissenden Hund
"Er weiß es doch nicht besser." Das ist eine der häufigsten Ausreden, die ich höre. Aber stimmt das wirklich?
Es ist ja nicht so, dass der Hund nicht wüsste, wie es dir damit geht. Er hat doch so feine Sinne. Er spürt genau, dass du Schmerzen hast, dass es dir wehtut, dass es dir schlechter geht mit seinem Verhalten.
Hunde können die Herzfrequenz ihres Menschen wahrnehmen. Sie können Stresshormone riechen. Sie lesen Mikrogesten im Gesicht, bevor wir selbst merken, dass wir angespannt sind. Die Vorstellung, dass ein Hund nicht spürt, wenn sein Mensch Schmerzen hat, ist wissenschaftlich unhaltbar.
Also weiß er es. Und trotzdem tut er es.
Das bedeutet: Es ist ihm schlichtweg egal. Sein Mensch, sein Hundehalter, ist ihm in diesem Moment egal. Ansonsten würde er Rücksicht nehmen. Rücksicht auf die Befindlichkeiten seines Menschen, wie es viele, viele Hunde tun.
Der Maßstab der menschlichen Gesellschaft
Stellen wir uns vor, ich laufe durch die Fußgängerzone und schubse einen Passanten. Der Mensch fällt hin. Ist das böse? Natürlich. Es ist rücksichtslos, eigensinnig und asozial.
Wenn ich einer alten Frau vor die Füße laufe und sie zu Fall bringe, dann ist das rücksichtslos. Das ist böse. Niemand würde mir das durchgehen lassen mit den Worten: "Er wusste es nicht besser."
Und beim Hund ist das nicht anders. Genau das darf man so benennen.
Wenn dein Hund dich an der Leine umreißt, wenn er ohne Rücksicht zieht, obwohl du Schmerzen hast, dann ist das Verhalten rücksichtslos. Es ist asozial. Und ja, es ist böse.
Das Schmunzeln über Diebstahl
Ein anderes Beispiel: Der Hund klaut das Essen vom Teller.
Viele Halter finden das lustig. Sie schmunzeln darüber. "Der ist aber clever", sagen sie. "Der weiß genau, was er will."
Dabei ist ein solches Verhalten asozial. Es ist eigensinnig. Es ist rücksichtslos.
Würde ich als Mensch diesem Menschen das Essen vom Teller klauen, würde er ärgerlich werden. Und zwar zu Recht. Denn mein Verhalten wäre asozial, es wäre böse. Niemand würde mich dafür loben, dass ich "clever" bin.
Warum also akzeptieren wir beim Hund, was wir bei einem Menschen niemals tolerieren würden?
Die Psychologie der Vermeidung
Aus psychologischer Sicht ist das, was hier passiert, ein klassischer Fall von kognitiver Dissonanz. Der Begriff stammt von Leon Festinger und beschreibt den unangenehmen Zustand, wenn unsere Überzeugungen nicht mit der Realität übereinstimmen.
Wir glauben: "Mein Hund liebt mich. Mein Hund ist gut."
Aber die Realität zeigt: Der Hund verhält sich rücksichtslos. Er tut Dinge, die uns schaden.
Um diese Dissonanz aufzulösen, ändern wir nicht das Verhalten des Hundes. Wir ändern unsere Interpretation der Realität.
Wir sagen: "Er meint es nicht so." "Er weiß es nicht besser." "Er hatte eine schwere Kindheit." "Er ist eben noch jung." "Das ist seine Rasse."
All das sind Rationalisierungen. Psychologische Schutzmechanismen, um die unangenehme Wahrheit nicht sehen zu müssen: Dieser Hund verhält sich asozial. Und wir lassen es zu.
Die Ausrede der schweren Kindheit
Besonders beliebt ist die Ausrede: "Er hatte eine schlechte Kindheit."
Eine schlechte Kindheit ist weder für einen Menschen noch für einen Hund ein ernsthafter Grund, rücksichtslos zu sein.
Natürlich prägen frühe Erfahrungen. Das ist wissenschaftlich unbestritten. Aber sie sind keine Entschuldigung für asoziales Verhalten im Hier und Jetzt.
In der Kriminalpsychologie gibt es den Begriff der "gelernten Hilflosigkeit". Menschen, die schwere Traumata erlebt haben, entwickeln manchmal die Überzeugung, dass sie ihr Leben nicht kontrollieren können. Das erklärt manches Verhalten. Aber es entschuldigt es nicht.
Dasselbe gilt für Hunde. Eine schwierige Vergangenheit kann erklären, warum ein Hund sich so verhält. Aber sie entschuldigt nicht, dass er sich weiterhin so verhält, wenn er in einer sicheren, liebevollen Umgebung lebt.
Als Hundehalter ist es unsere Aufgabe, dem Hund beizubringen, dass er sich nicht mehr so verhalten muss. Dass er Rücksicht nehmen kann. Dass es einen besseren Weg gibt.
Aber dafür müssen wir zuerst anerkennen: Ja, dieses Verhalten ist ein Problem. Und ja, es ist asozial.
Das Schönreden als Selbstschutz
"Aber zu Hause ist er so brav. Da macht er alles, was man ihm sagt. Da ist er so lieb."
Das sind typische Aussagen, um das Fehlverhalten, das böse Verhalten des Hundes, sich schönzureden.
Aus psychologischer Sicht ist das ein Phänomen, das man "selektive Wahrnehmung" nennt. Wir filtern die Informationen, die zu unserem Weltbild passen, und blenden die anderen aus.
Zu Hause, wo keine Herausforderungen sind, wo alles bekannt und sicher ist, verhält sich der Hund angepasst. Natürlich. Dort gibt es auch keinen Grund, sich anders zu verhalten.
Aber sobald die Situation fordernder wird, sobald andere Menschen, andere Hunde, Reize oder Ablenkungen ins Spiel kommen, bricht die Fassade zusammen. Der Hund zeigt sein wahres Verhalten.
Und dieses Verhalten zu ignorieren, weil der Hund "zu Hause so lieb ist", ist Selbstbetrug.
Die Frage der Verantwortung
Hier kommen wir zum Kern des Problems. Es geht nicht wirklich um den Hund. Es geht um dich.
Wenn wir das Verhalten des Hundes als "böse" bezeichnen, dann geben wir zu, dass wir als Hundehalter versagt haben. Dass wir es zugelassen haben. Dass wir nicht geführt haben.
Das ist unangenehm. Das kratzt am Selbstbild. Niemand möchte sich eingestehen, dass man einen bösen Hund hat. Dass man einen Hund hat, der sich asozial verhält.
Also reden wir es schön. Wir rationalisieren. Wir finden Ausreden.
Aber diese Ausreden helfen niemandem. Nicht dir. Und schon gar nicht dem Hund.
Was die Wissenschaft über asoziales Verhalten sagt
In der Verhaltenspsychologie gibt es den Begriff "antisoziales Verhalten". Er beschreibt Handlungen, die gegen die Normen und Regeln einer Gruppe verstoßen und anderen Schaden zufügen.
Bei Menschen umfasst das: Aggression, Diebstahl, Rücksichtslosigkeit, Missachtung der Bedürfnisse anderer.
Bei Hunden sieht das nicht anders aus. Ein Hund, der seinen Menschen umreißt, der klaut, der beißt, der ohne Rücksicht auf andere handelt, zeigt antisoziales Verhalten.
Die Ursachen können vielfältig sein. Fehlende Sozialisation, mangelnde Führung, inkonsistente Grenzen, Verstärkung durch ungewollte Belohnungen. Aber egal, was die Ursache ist, das Verhalten bleibt asozial.
Und genau wie bei Menschen gilt: Antisoziales Verhalten wird nicht besser, wenn wir es ignorieren oder schönreden. Es wird nur besser, wenn wir es benennen, Grenzen setzen und dem Individuum beibringen, sich sozial verträglich zu verhalten.
Die Konsequenz des Schönredens
Was passiert, wenn wir das Verhalten unseres Hundes nicht beim Namen nennen?
Erstens: Der Hund lernt, dass sein Verhalten akzeptabel ist. Er hat keinen Grund, es zu ändern.
Zweitens: Wir verlieren unsere Glaubwürdigkeit. Wenn wir Verhalten tolerieren, das uns schadet, sendet das eine klare Botschaft: Wir sind keine verlässliche Führung. Wir setzen keine Grenzen. Wir sind schwach.
Drittens: Die Beziehung leidet. Eine gesunde Beziehung, egal ob zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Hund, basiert auf gegenseitigem Respekt. Wenn der Hund keine Rücksicht auf dich nimmt, gibt es keinen Respekt. Und ohne Respekt gibt es keine echte Beziehung.
Der Weg zur Veränderung
Die gute Nachricht: Du kannst das ändern. Aber dafür musst du zuerst ehrlich sein. Ehrlich zu dir selbst. Und ehrlich über das Verhalten deines Hundes.
Der erste Schritt ist immer das Benennen. Nenne das Verhalten beim Namen. Nicht beschönigen. Nicht rationalisieren. Einfach anerkennen: Ja, mein Hund verhält sich rücksichtslos. Ja, das ist asozial. Ja, das muss sich ändern.
Der zweite Schritt ist die Übernahme der Verantwortung. Nicht der Hund ist schuld. Du bist verantwortlich. Du hast es zugelassen. Und nur du kannst es ändern.
Der dritte Schritt ist die konsequente Arbeit an der Beziehung. Nicht durch Training. Nicht durch Leckerli. Sondern durch echte Führung. Durch klare Grenzen. Durch Präsenz und Verantwortung.
Konkrete Lösungen: Was du heute tun kannst
Hier sind die praktischen Schritte, um asoziales Verhalten zu beenden:
1. Erkenne das Verhalten als das, was es ist
Höre auf, das Verhalten deines Hundes zu beschönigen. Wenn er dich umreißt, ist das asozial. Wenn er klaut, ist das asozial. Benenne es so. Schreibe es auf. Mache dir bewusst, wie oft dein Hund sich rücksichtslos verhält.
2. Setze klare, unverrückbare Grenzen
Entscheide, welches Verhalten nicht akzeptabel ist. Schreibe es auf. Diese Grenzen gelten ab sofort, immer, ohne Ausnahme. Kein "heute nicht, weil Besuch da ist". Kein "morgen fange ich damit an". Jetzt.
3. Beende das Verhalten sofort
Wenn er klaut: Nimm es ihm ab. Sofort. Jedes Mal. Ohne Diskussion, ohne Erklärung.
4. Belohne nicht versehentlich das falsche Verhalten
Schmunzeln ist eine Belohnung. Lachen ist eine Belohnung. Nachgeben ist eine Belohnung. Achte darauf, dass du nicht genau das Verhalten verstärkst, das du eigentlich beenden willst.
5. Übernimm die Führungsrolle konsequent
Führung bedeutet, dass du die Entscheidungen triffst, das Tempo bestimmst und die Richtung vorgibst, und zwar immer, in jeder Situation, auch wenn es unbequem ist.
6. Arbeite an deiner inneren Klarheit
Dein Hund spürt, wenn du unsicher bist. Wenn du zweifelst. Wenn du keine klare Haltung hast. Arbeite daran, innerlich klar zu werden. Was ist dir wichtig? Wofür stehst du? Was tolerierst du nicht?
7. Suche dir Unterstützung, wenn nötig
Wenn das Verhalten deines Hundes bereits so fest etabliert ist, dass du alleine nicht weiterkommst, hole dir Hilfe. Aber nicht beim Trainer, der dir Tricks beibringt. Sondern bei jemandem, der dir hilft, deine Haltung zu ändern und echte Führung zu übernehmen.
8. Sei geduldig und kontinuierlich
Veränderung braucht Zeit. Dein Hund wird nicht von heute auf morgen zum sozialverträglichen Partner. Aber wenn du kontinuierlich präsent bleibst und deine Haltung dauerhaft beibehältst, wird sich das Verhalten ändern. Tag für Tag. Schritt für Schritt.
9. Akzeptiere keine Ausreden mehr
Weder von dir noch von anderen. "Er hatte eine schwere Kindheit" ist keine Entschuldigung mehr. "Er ist eben so" ist keine Erklärung mehr. "Zu Hause ist er lieb" ist kein Argument mehr. Ab jetzt zählt nur, was jetzt ist. Und was du jetzt ändern kannst.
10. Feiere kleine Erfolge
Wenn dein Hund zum ersten Mal nicht zieht, feiere es. Wenn er zum ersten Mal das Essen nicht klaut, erkenne es an. Nicht mit Leckerli oder Lob, sondern mit innerer Genugtuung: Du bist auf dem richtigen Weg.
Fazit: Die unbequeme Wahrheit
Dein Hund ist nicht böse, weil er böse geboren wurde. Er ist böse, weil du es zugelassen hast, weil du keine Grenzen gesetzt hast, weil du sein Verhalten schöngeredet hast.
Das ist die unbequeme Wahrheit. Aber sie ist auch die befreiende Wahrheit, denn wenn du das Problem verursacht hast, kannst du es auch lösen.
Es beginnt damit, dass du aufhörst, dich selbst zu belügen. Dass du das Verhalten deines Hundes so benennst, wie es ist: asozial, rücksichtslos und ja, böse.
Und dann beginnst du, echte Führung zu übernehmen. Nicht durch Härte oder durch Gewalt. Sondern durch Klarheit, Konsequenz und Präsenz.
Dein Hund wird es dir danken, denn auch er will nicht böse sein. Er will nur wissen, dass jemand die Verantwortung übernimmt. Dass jemand ihm zeigt, wie man sich richtig verhält, dass jemand führt.
Und dieser jemand bist du.
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