Gedanken zum Pfoten-Pfad
Warum Kontinuität wichtiger ist als jedes Training
Die Geburtsstunde des Rambo-Verhaltens

Stell dir vor, du lebst in einer Welt, in der die Naturgesetze nur von Montag bis Donnerstag gelten. Freitags ist die Schwerkraft plötzlich optional, und am Wochenende weißt du nie genau, ob das Wasser beim Kochen heiß wird oder gefriert. Wie viel mentale Energie würdest du verbrauchen, um ständig die Beschaffenheit deiner Umwelt zu prüfen? Dein Stresslevel wäre chronisch erhöht, deine Wachsamkeit permanent auf Anschlag. Du würdest anfangen, Vorräte zu horten, dich zu bewaffnen und jede Veränderung misstrauisch zu beäugen, einfach nur, um deine Existenz zu sichern.
Genau in diesem Zustand befinden sich viele Hunde.
Inkonsistente Hundeerziehung: Der Jojo-Effekt
Vor einigen Wochen kam eine Frau mit ihrem Australian Shepherd zu uns. Beim Spaziergang durch die Feldmark beobachtete ich etwas Typisches: Der Hund lief drei Meter voraus, schaute zurück, bellte und lief weiter. Die Frau folgte ihm. An der nächsten Kreuzung blieb der Hund stehen und bellte. Sie zuckte mit den Schultern und fragte: „Was willst du denn?“ Der Hund bellte weiter, sie folgte seiner Unruhe und bog ab. Zehn Minuten später, als der Hund zu einem anderen Hund wollte, griff sie abrupt ein. Laute Stimme, Ruck an der Leine, volle Körperspannung. Der Hund wirkte verwirrt, dann trotzig, und sie wirkte erschöpft. „Ich verstehe nicht“, sagte sie, „manchmal funktioniert er perfekt, manchmal ist er völlig unkooperativ.“
Das ist der Jojo-Effekt in der Hundeerziehung, und er ist das Gegenteil von Führung.
Warum inkonsistente Führung Problemverhalten verstärkt
Aus verhaltenspsychologischer Sicht passiert hier etwas Fatales. Es handelt sich um intermittierende Verstärkung. Wenn ein Verhalten nur manchmal zum Erfolg führt oder nur manchmal begrenzt wird, wird es nicht schwächer. Es wird löschungsresistenter als jedes andere Verhalten. Der Hund lernt nicht „Das geht nicht“, sondern „Wenn ich hartnäckig genug bin, erwische ich das Zeitfenster, in dem mein Mensch mental abwesend ist.“ Er lernt: Beharrlichkeit zahlt sich aus.
Aus biologischer Sicht ist das noch gravierender. Unberechenbarkeit bedeutet immer Gefahr. Wenn der Anker im Team, also du als Hundehalter, nicht stabil ist, muss der Hund diese Stabilität selbst herstellen. Das ist die Geburtsstunde von zwei typischen Mustern: Der Rambo übernimmt die Führung, trifft alle Entscheidungen und ist ständig auf Habachtstellung. Der Angsthase zieht sich zurück, traut sich nichts und ist permanent gestresst. Beides sind keine Charaktereigenschaften. Es sind Bewältigungsstrategien für deine Inkonsistenz. Mehr dazu, wie Hunde durch Etikettierung in Rollen gedrängt werden, findest du in meinem Artikel über Diagnosen und Erwartungen.
Kontinuität vs. Konsequenz: Der entscheidende Unterschied beim Hund führen
In der klassischen Hundeerziehung wird „Konsequenz“ oft als die heilige Kuh verehrt. Aber Konsequenz ist reaktiv. Sie tritt auf den Plan, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, wenn etwa der Bankräuber den Raub bereits begangen hat, der Hund schon den anderen Hund angeknurrt hat. Kontinuität ist etwas anderes. Sie ist das leise Grundrauschen deiner Präsenz.
Konsequenz sagt: „Wenn du das machst, passiert das.“ Kontinuität sagt: „So funktioniert die Welt hier, immer, auch sonntags im Schlafanzug.“ Der Unterschied in der Praxis: Konsequenz bedeutet, nach zwei Tagen Nachlässigkeit mit 100 % Energie zu korrigieren. Kontinuität bedeutet, dauerhaft mit 5 % Aufmerksamkeit zu führen.
Praxisbeispiel: Edge und Indie lernen kontinuierliche Führung
Es war eine der ersten Ausfahrten von Lisa mit Edge und Indie, den beiden Alaskan Huskys, die sie von einem Musher übernommen hatte, der aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. Diese beiden bildeten später die Grundlage für die „Alaskan Huskys Vom Wilden Moor“, für Lisas Sport und ihre Zucht. Aber an jenem Tag waren sie noch neu, unbedarft, und alles, was sich bewegte, war spannend.
Lisa fuhr mit dem Gespann vor dem Fahrrad, als plötzlich ein Hase ihren Weg kreuzte. Edge und Indie wollten sofort hinterher. Sie bogen spontan ab, die Leinen spannten sich, das Rad wurde zur Seite gezogen. Lisa bremste hart. Die Hunde sprangen in die Geschirre und zogen mit aller Kraft in Richtung Hase. Lisa hielt das Rad fest, mit beiden Händen, mit vollem Körpergewicht. Ihre Stimme war klar und bestimmt, als sie rief: „Geradeaus!“. Die Hunde zerrten weiter. Lisa gab nicht nach. Sie hielt das Rad, stand fest, wiederholte die Anweisung. Keine Hektik, keine Wut, nur absolute Klarheit. Wir gehen nicht dem Hasen nach. Wir gehen geradeaus, nach Hause. Sekunden vergingen und wurden zu Minuten. Edge und Indie sprangen, zogen, versuchten es weiter. Lisa blieb stehen, präsent und unerschütterlich.
Dann ließ die Spannung plötzlich nach. Die beiden Hunde schauten zurück und warteten. Lisa gab die Anweisung: „Geradeaus.“ Und sie liefen geradeaus, nach Hause.
Was dieses Beispiel über Hundeführung lehrt
Was hier passierte, war keine Kraftprobe. Es war Kontinuität in Reinform.
Lisa hätte nachgeben können. „Nur diesmal, ist ja aufregend, alles neu, sie müssen sich erst einmal eingewöhnen.“ Aber dann wäre die Botschaft gewesen: Meine Anweisungen gelten manchmal. Wenn du hartnäckig genug bist, bekommst du deinen Willen. Stattdessen lernten Edge und Indie: Lisas Anweisungen gelten immer. Auch wenn ein Hase lockt, auch wenn jeder Instinkt „Jagen!“ schreit. Das war kein einzelnes Training. Das war der Moment, in dem Respekt entstand. Und aus Respekt wurde Vertrauen. Und aus Vertrauen wurde eine Partnerschaft, die bis heute trägt.
Warum Vertrauen wichtiger ist als Gehorsam
Hunde führen kein Protokoll über einzelne Trainingseinheiten. Aber sie führen ein Protokoll über deine Glaubwürdigkeit.
Ein Mann mit seinem Labrador kam zu uns zu einem Wochenseminar. Am ersten Tag gingen wir gemeinsam spazieren. Ein freilaufender Hund kam auf uns zu. Der Mann wurde hektisch, zog die Leine straff, seine Stimme wurde schrill. Sein Hund eskalierte, und die Situation endete in einem Leinengewirr und viel Aufregung. Am Abend beim Essen wollte er, dass sein Hund unter dem Tisch liegt, ruhig, entspannt, vertrauensvoll. Der Hund weigerte sich. Er stand auf, legte sich wieder hin, stand erneut auf, nervös und unruhig. „Warum macht er das nicht?“, fragte der Mann frustriert. Die Antwort: „Warum sollte er? Du hast ihm heute Mittag gezeigt, dass du ihn nicht sicher durch die Welt führen kannst. Und jetzt verlangst du, dass er sich in eine schutzlose Position begibt und dir vertraut?“
Das Liegenbleiben war kein technisches Problem. Es war ein Vertrauensdefizit. Training findet im Hier und Jetzt statt, als isolierte Übung. Kontinuierliche Führung bildet die Summe eurer Beziehung. Nur wer kontinuierlich führt, erntet die freiwillige Folgsamkeit, die nicht auf Angst basiert, sondern auf der Erleichterung, die Verantwortung endlich abgeben zu dürfen. Mehr zu diesem Ansatz findest du in unserem Artikel über Gleichwürdigkeit in der Hundeerziehung.
Wie sieht kontinuierliche Führung im Alltag aus?
Viele Menschen denken jetzt: „Das klingt gut. Aber was soll ich morgen früh anders machen?“ Hier drei konkrete Situationen aus dem Alltag mit Hund:
1. Richtig führen an der Haustür
Vorher: Dein Hund stürmt voraus, du kommst hinterher, versuchst ihn zurückzurufen, manchmal klappt es, manchmal nicht.
Mit Kontinuität: Du stehst vor der Tür, die Hand am Griff, und wartest zwei Sekunden. Jedes Mal. Der Hund lernt: Die Tür öffnet sich, wenn ich ruhig bin. Nicht durch Druck, sondern durch Struktur.
Manche Hunde sind dabei kreativ. Meine Elin liebt es zu bellen. Inzwischen rennt sie still durch die Tür, läuft ein paar Meter nach draußen und bellt dann erst los. Das bringt mich zum Schmunzeln. Sie hat schnell und ohne Training verstanden: An der Tür muss ich ruhig sein, danach darf ich. Das stört mich nicht, im Gegenteil. Es zeigt, dass sie die Regel verstanden hat und gleichzeitig ihre Freude ausdrücken darf.
2. Den Hund beim Spaziergang führen
Vorher: Dein Hund läuft mal neben dir, mal drei Meter voraus, mal kommst du hinterher. Wenn es zu viel wird, ziehst du ihn zurück.
Mit Kontinuität: Du gehst in deinem Tempo, immer. Der Hund passt sich an, nicht du ihm. Du änderst dein Tempo nicht für Schnüffelstellen, nicht für andere Hunde. Du gehst deinen Weg, mit 5 % Aufmerksamkeit darauf, dass er mitkommt, in jeder Sekunde. Mehr zu diesem Thema erfährst du in meinem Buch „Vorne gucken, gehen!“, das sich ganz der Bewegung und Führung widmet.
3. Hundebegegnungen souverän meistern
Vorher: Mal lässt du den Kontakt zu, mal nicht. Der Hund weiß nicht, was gilt, und wird unsicher oder fordernd.
Mit Kontinuität: Du entscheidest vor der Begegnung, klar und ruhig. Dann führst du durch, ohne Diskussion, ohne Kampf. Der Hund lernt: Auf dein Signal kann ich mich verlassen.
Von der Technik zur inneren Haltung
Das Schönste an kontinuierlicher Führung: Du musst nicht mehr „trainieren“. Du fängst an zu „sein“. Du wirst zur stabilen Konstante, an der sich dein Hund reibungsfrei orientieren kann. Diese Form der authentischen Präsenz verändert nicht nur deinen Hund. Sie verändert dich.
Viele Menschen berichten uns nach einigen Wochen: „Ich bin ruhiger geworden. Nicht nur mit dem Hund, auch im Job, in der Familie.“ Das ist kein Zufall. Kontinuierliche Führung ist eine Lebenshaltung. Wie du diese Haltung entwickelst, erfährst du auch in unserem Artikel über die Unterschiede zwischen Hundehaltern und Mushern.
Fazit: Kontinuität schafft Vertrauen
Echte Führung in der Hundeerziehung ist keine Sammlung von Techniken. Sie ist eine kontinuierliche Präsenz, die deinem Hund Sicherheit gibt. Nicht durch Kontrolle, sondern durch Verlässlichkeit. Wenn du aufhörst, zwischen Nachlässigkeit und Überreaktion zu schwanken, und stattdessen mit ruhiger, konstanter Klarheit führst, wird sich dein Hund verändern. Nicht weil du ihn trainiert hast, sondern weil er dir endlich vertrauen kann.
Möchtest du tiefer einsteigen?
In meinem Buch „Vorne gucken, gehen!“ erfährst du mehr über die Dynamik von Bewegung und mentaler Ausrichtung in der Hundeführung.
In unseren Wochenseminaren kannst du diesen Ansatz praktisch erleben, im geschützten Raum, mit Zeit zum Wachsen und mit der Unterstützung von 20 Alaskan Huskys, die dir zeigen, wie Führung funktioniert.
Weiterlesen:
- Warum Gleichwürdigkeit wichtiger ist als jedes Kommando
- Die Diagnose und das Halsband: Warum Etiketten schaden
- Hundehalter vs. Musher: Der entscheidende Unterschied
Hier geht es zur Übersicht aller Artikel in diesem Blog:
https://www.pfoten-pfad.de/blog
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