Gedanken zum Pfoten-Pfad
Wenn der Hund nicht folgt:
Die Entscheidung an der Kreuzung
Es gibt Momente in der Hundeerziehung, in denen alle Theorie, alle guten Vorsätze und alle Trainingseinheiten auf den Prüfstand kommen. Momente, in denen nicht dein Wissen zählt, sondern deine innere Klarheit. Astrid erlebte einen solchen Moment in der nordschwedischen Einsamkeit, auf den Kufen ihres Schlittens, mit zwei Legenden im Geschirr vor sich.
Die Geschichte, die ich dir heute erzähle, handelt nicht von perfektem Training. Sie handelt von dem, was passiert, wenn Führung zur Zerreißprobe wird und du eine Entscheidung treffen musst, jetzt, in diesem Augenblick, bei minus 20 Grad, umgeben von endloser Weite.
Die Ausgangslage: Zwei Dickköpfe und ein Plan
Astrid stand auf den Kufen, die Hände fest um den hölzernen Bügel geklammert. Vor ihr im Geschirr: Pünktchen und Phøniks, zwei Alaskan Huskys vom Wilden Moor. Keine Jungspunde mehr, sondern erfahrene Profis mit einem Selbstbewusstsein, das über die Jahre so gewaltig gewachsen war wie ihr Erfahrungsschatz in der lappländischen Wildnis.
Die Mission klang denkbar simpel: Ein paar Kilometer die Straße entlang bis nach Betsele und wieder zurück. Keine große Tour, nur eine entspannte Ausfahrt.
Doch Astrid spürte bereits die Last ihrer eigenen Zweifel. Dieses vertraute Kopfkino, das ihr zuflüsterte: „Bist du diesen beiden Dickköpfen überhaupt gewachsen?“ Es ist dieses Gefühl, das viele Hundehalter kennen, besonders wenn sie mit selbstbewussten, erfahrenen Hunden arbeiten. Die leise Stimme, die fragt: „Was, wenn sie mich nicht ernst nehmen?“
Warum erfahrene Hunde Führung besonders intensiv testen
Aus verhaltenspsychologischer Sicht ist das, was an diesem Tag geschah, kein Zufall. Erfahrene Hunde, besonders Arbeitshunde wie Schlittenhunde, haben über Jahre gelernt, Entscheidungen zu treffen. Sie kennen die Routen, sie wissen, was funktioniert, sie haben ein ausgeprägtes Gespür für Effizienz.
Pünktchen und Phøniks hatten hunderte Male den Weg nach links genommen. Ihre neuronalen Bahnen waren darauf programmiert wie eine Autobahn. Links bedeutete: Wir kennen den Weg, wir wissen, was kommt, wir sind sicher.
Wenn ein Mensch dann plötzlich eine andere Richtung vorgibt, testen diese Hunde nicht aus Boshaftigkeit. Sie testen aus Erfahrung. Ihre innere Logik sagt: „Wir haben das schon hundert Mal anders gemacht. Ist dieser Mensch wirklich sicher genug, um eine andere Entscheidung zu treffen?“
Das ist der entscheidende Punkt: Sie testen nicht, ob du stark bist. Sie testen, ob du sicher bist.
Der Bruch mit der Routine
An der entscheidenden Abzweigung geschah es. Wie programmiert wollten Pünktchen und Phøniks links abbiegen. Dorthin, wo es immer langging. Aber Astrid hatte sich für heute etwas anderes vorgenommen. Sie wollte geradeaus. Leises Bitten verhallte im Wind. Vorsichtige Kommandos wurden ignoriert. Die Hunde zogen weiter in Richtung Träsk, in Richtung Moor, als gäbe es keine andere Option. Ihre Körpersprache war klar: „Wir wissen, wo es langgeht. Komm mit.“
Minuten vergingen. Astrid spürte, wie die Kontrolle ihr entglitt. Nicht die Kontrolle über die Hunde, sondern die Kontrolle über sich selbst. Das Kopfkino wurde lauter. Die Zweifel größer. „Vielleicht sollte ich einfach nachgeben. Vielleicht haben sie recht. Vielleicht bin ich zu unerfahren für diese beiden.“
Der innere Wendepunkt: Von Angst zu Klarheit
Dann geschah etwas Entscheidendes. In Astrid verschob sich etwas. Die Sorge, die Kontrolle zu verlieren, wich einer flammenden, authentischen Emotion. Keine Wut, keine Verzweiflung, sondern kristallklare Entschlossenheit. Ihr Ziel stand plötzlich glasklar vor Augen: Betsele. Nicht Träsk, nicht Moor. Betsele! Und dieses Ziel war nicht verhandelbar.
Astrid wurde laut. Nicht hysterisch, nicht aggressiv, sondern eindeutig. Ihr Tonfall ließ keinen Zweifel: Wir fahren geradeaus oder nirgendwohin.
Psychologisch betrachtet passierte hier etwas Fundamentales. Astrid wechselte von einem Zustand der Unsicherheit in einen Zustand der Kongruenz. Kongruenz bedeutet: Was du denkst, was du fühlst und was du tust, ist eins. Es gibt keine innere Spaltung mehr. Keine höfliche Fassade über brodelnden Zweifeln. Nur noch eine Wahrheit. Und Hunde lesen Kongruenz wie ein offenes Buch.
Das Spiel mit dem Feuer: Authentische Autorität
Was Astrid dann tat, war mutig und riskant zugleich. Sie stieg vom Schlitten, hinunter in den tiefen Schnee. Es war ein Spiel mit dem Feuer. Die Hunde hätten jederzeit losstürmen und sie in der Kälte zurücklassen können. Ein freies Gespann, zwei erfahrene Huskys, endlose Weite. Die Versuchung war da. Doch Astrids mentale Einstellung war in diesem Moment so scharf wie eine Eiskante. Ihre innere Haltung strahlte aus: „Wagt es nicht, wegzulaufen.“
Diese ehrliche Klarheit, dieser Verzicht auf jeden Filter, ließ Pünktchen und Phøniks wie angewurzelt stehenbleiben. Ihre Präsenz war plötzlich so absolut, dass die Hunde keine andere Option mehr sahen. Astrid stapfte nach vorn, packte die Neckleinen und zog das Gespann mit purer Entschlossenheit an der Abzweigung vorbei, Schritt für Schritt, ohne Diskussion, ohne Wenn und Aber.
Was in den Hunden vorging
Aus Sicht der Hunde war das ein entscheidender Moment. Sie hatten getestet, ob diese Frau wirklich führen kann. Ob sie sicher genug ist, um einen anderen Weg zu gehen als den gewohnten. Und Astrid hatte geantwortet. Nicht mit Gewalt, nicht mit Kampf, sondern mit absoluter Klarheit. Ihre Botschaft war: „Ich weiß, wo wir hingehen. Und ich bringe uns sicher dorthin.“
Das ist der Unterschied zwischen Dominanz und Führung. Dominanz sagt: „Ich bin stärker.“ Führung sagt: „Ich bin sicher.“
Pünktchen und Phøniks benötigten keine Dominanz. Sie brauchten Sicherheit. Und in diesem Moment bekamen sie sie.
Der neue Rhythmus: Wenn Vertrauen entsteht
Als Astrid wieder auf den Kufen stand und das „Go" über ihre Lippen kam, war alles anders. Die Hunde setzten sich in Bewegung, ohne Diskussion, ohne das typische Testen der Führungsrollen und ohne den Blick zurück, der fragt: „Meinst du das wirklich?" Sie hatten akzeptiert, dass dort hinten jemand stand, der die Richtung vorgab. Jemand, der es würdig war, dass man ihm folgte.
Der Rest der Fahrt nach Betsele fühlte sich an wie ein neuer Song. Die Leinen waren straff, der Rhythmus der Pfoten auf dem hartgefrorenen Boden klang harmonisch und kraftvoll. Das Kopfkino in Astrids Geist war verstummt. Es gab keinen Raum mehr für „Was wäre wenn“, denn die Hunde arbeiteten nun mit ihr, statt gegen sie. Sie feierte innerlich jeden dieser gelungenen Kilometer und begriff: Die Schwierigkeit an der Kreuzung war kein Scheitern. Es war die notwendige Reibung, um echtes Vertrauen zu schmieden.
Die Bewährungsprobe: Vertrauen im Alltag
In Betsele angekommen, wartete die nächste Herausforderung. Das gesamte Gespann musste auf spiegelglatter Fahrbahn gewendet werden. Enger Raum, blankes Eis, höchste Konzentration erforderlich. Was normalerweise ein Moment für neue Zweifel und rutschige Eskapaden gewesen wäre, verwandelte sich in eine beeindruckende Demonstration gegenseitiger Rücksichtnahme.
Pünktchen und Phøniks, die alten Strategen, schienen Astrids neue Entschlossenheit förmlich aufzusaugen. Sie bewegten sich mit einer fast schon tänzerischen Vorsicht über das blanke Eis. Sie setzten jede Pfote bedacht und kooperierten eng mit Astrids Gewichtsverlagerung. Anstatt ungeduldig in die Leinen zu springen oder den Schlitten unkontrolliert herumzureißen, zügelten sie ihren massiven Vorwärtsdrang. Sie schenkten Astrid auf dem glatten Untergrund die nötige Stabilität. Ein stilles Einvernehmen zwischen Mensch und Tier. Ein Moment, der bewies: Führung ist untrennbar mit Fürsorge verbunden. Die Hunde hatten Astrids Führung akzeptiert, und nun gaben sie ihr das zurück, was sie am meisten brauchte. Unterstützung.
Die psychologische Erklärung: Warum dieser Moment funktionierte
Aus psychologischer Sicht ist das, was an dieser Kreuzung geschah, ein Lehrstück über authentische Führung.
1. Der Wechsel von Reaktion zu Aktion
Astrid hörte auf zu reagieren (auf die Hunde, auf ihre Zweifel, auf die Situation) und begann zu agieren. Sie definierte ihr Ziel klar und setzte es um. Ohne Entschuldigung oder Rechtfertigung.
2. Kongruenz statt Dissonanz
Ihre innere Haltung und ihr äußeres Verhalten waren eins. Die Hunde spürten keine Diskrepanz mehr zwischen „sie sagt das“ und „aber sie meint es nicht wirklich“. Sie war, was sie sagte.
3. Verletzlichkeit als Stärke
Astrid zeigte echte Emotion. Keine gespielte Härte, keine aufgesetzte Autorität. Sie war authentisch verärgert, authentisch entschlossen, authentisch klar. Und genau das machte sie glaubwürdig.
4. Das Prinzip der minimalen Intervention
Astrid tat nur das Notwendige. Sie schrie nicht endlos, sie kämpfte nicht, sie versuchte nicht, die Hunde zu dominieren. Sie stellte sich hin, war präsent und handelte. Und das reichte.
Was du für deinen Alltag mitnehmen kannst
Du musst keinen Schlitten in Lappland fahren, um von Astrids Geschichte zu lernen. Die Prinzipien funktionieren genauso an der Haustür, beim Spaziergang oder bei der Hundebegegnung.
1. Erkenne dein Kopfkino
Die innere Stimme, die dir sagt „Du schaffst das nicht“, ist nicht die Wahrheit. Es ist nur eine Stimme. Du kannst ihr zuhören oder dich entscheiden, etwas anderes zu glauben.
2. Definiere dein Ziel glasklar
Nicht "irgendwie soll er mitkommen“, sondern „Wir gehen jetzt geradeaus. Punkt.“ Je klarer dein inneres Bild, desto klarer deine Ausstrahlung.
3. Sei kongruent
Wenn du etwas sagst, meine es. Wenn du etwas meinst, sage es. Wenn du unsicher bist, entscheide dich trotzdem. Unentschlossenheit ist das Gegenteil von Führung. Selbst eine schlechte Entscheidung ist besser als keine.
4. Authentizität schlägt Perfektion
Du musst nicht perfekt sein, du musst echt sein. Dein Hund verzeiht dir Fehler, aber er verzeiht dir keine Unehrlichkeit.
5. Vertrauen entsteht im Konflikt
Die schwierigen Momente sind nicht das Problem. Sie sind die Möglichkeit, echte Führung zu beweisen, und zwar durch Klarheit, nicht durch Härte.
Die Rückkehr: Wenn sich alles verändert hat
Als Astrid mit dem Gespann zurück ins Basislager bog, war etwas Grundlegendes anders. Es war nicht nur die Kälte, die ihre Wangen rötete, sondern ein inneres Leuchten, das man bis zum Wohnhaus spüren konnte. Pünktchen und Phøniks trabten mit einer fast schon aristokratischen Gelassenheit voran, die Ohren aufmerksam nach hinten gerichtet. Sie warteten nicht mehr auf ein Zögern. Sie warteten auf Astrids Führung. Die Beziehung hatte sich nicht durch endloses Training verändert, nicht durch Leckerli, nicht durch Tricks. Sie hatte sich in einem einzigen Moment verändert, in dem Astrid sich entschied, wirklich zu führen.
Fazit: Mut ist Vertrauen in die eigene Stimme
In der klaren Luft Lapplands wurde Astrid etwas bewusst, das viele Hundehalter nie wirklich begreifen: Einer führt, einer folgt. Das ist keine Machtfrage, keine Dominanzfrage. Es ist eine Frage der Klarheit. Und an diesem Tag war Astrid es, die den Weg durch die Wildnis wies. Nicht weil sie stärker war als die Hunde, sondern weil sie klarer war. Klarer in ihrem Ziel, klarer in ihrer Haltung, klarer in ihrer Entscheidung.
Die Huskys lehrten sie, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist. Mut ist das Vertrauen in die eigene, ehrliche Stimme. Auch wenn sie zittert. Auch wenn sie laut werden muss. Auch wenn sie nicht perfekt klingt. Denn am Ende folgen Hunde keiner Perfektion. Sie folgen der Wahrhaftigkeit.
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