Gedanken zum Pfoten-Pfad

Zwei Wochen Schweigen als Therapie?

Eckard Wulfmeyer • 1. Oktober 2026

Von Eckard Wulfmeyer, Pfoten-Pfad  ·  Lesedauer: ca. 20 Minuten


Ein Umzug, ein neuer Job, und dann das

Eine Freundin von uns, nennen wir sie Iris, zog um. Über dreihundert Kilometer, nicht mal eben um die Ecke. Gleichzeitig begann sie eine neue Arbeitsstelle, mit mehreren hundert Kollegen, die sie noch nicht kannte. Iris hat zwei schäferhundgroße Mischlinge, unter ihnen Amanda, einen Hund, der seit Jahren als gutmütig und verträglich galt.

Während der letzten Renovierungsarbeiten in der neuen Wohnung half eine Freundin mit ihren beiden Jack-Russell-Terriern. Amanda kannte diese beiden Hunde seit Jahren, sie hatten zusammen im Garten getobt, nebeneinander gelegen. An diesem Tag stürzte sich Amanda plötzlich auf einen der beiden, nahm ihn ins Maul. Bevor sie anfangen konnte, ihn zu schütteln, wie es Hunde mit Beutetieren tun, gelang es Iris, ihn Amanda abzunehmen. Am Tag darauf attackierte Amanda den Labrador des neuen Nachbarn, ebenfalls ein Hund, den sie bereits kannte.

Von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung, ohne erkennbaren Auslöser im Moment selbst.

Iris' Freunde rieten ihr, sich an eine Hundetrainerin zu wenden, mit gutem Ruf, nicht weit entfernt. Iris kannte Lisa und mich seit Jahren, wir hatten uns kennengelernt, als sie mit beiden Hunden vor Jahren bei uns im Seminar war. Trotzdem wollte sie sich angesichts der Schwere der Ereignisse nicht gegen den Rat ihrer Freunde stellen. Sie ging zu dieser Trainerin.


Der Plan

Nach einer Anamnese bekam Iris einen schriftlichen Plan, wie sie sich die nächsten zwei Wochen gegenüber ihren beiden Hunden zu verhalten habe. Ich lege ihn dir hier so vor, wie Iris ihn bekommen hat. Alle folgenden Punkte galten für den gesamten Zeitraum von zwei Wochen:

  • Nicht mehr mit den Hunden sprechen
  • Kein Schlafen mehr im Bett
  • Kein Liegen mehr auf dem Sofa
  • Kein Zugang mehr zum Garten
  • Alle weiteren Privilegien streichen
  • Abends zehn Minuten vor gefülltem Napf sitzen, dann Futter wegnehmen, erst am nächsten Morgen füttern
  • Bei Sofa- oder Bettsprung: wortlos an die Leine nehmen und wegführen

Begründet wurde das Ganze damit, dass diese Maßnahmen die Frustrationstoleranz der Hunde aufbauen und sie in der Folge mehr auf Iris achten würden, drinnen wie draußen.

Ich habe diese Liste beim ersten Lesen zweimal durchgesehen, weil ich dachte, mir fehlt etwas. Und mir fehlte auch etwas, etwas ganz Entscheidendes, doch es war der vollständige Plan.


Was mich daran wirklich erstaunt

Bevor ich einzeln durchgehe, was an diesen Punkten nicht funktionieren kann, ein kurzer Blick zurück auf Amanda selbst. Bei dem Vorfall mit dem Jack Russell hatte sie sofort losgelassen, in dem Moment, als Iris ihr die Anweisung gab. Iris hatte monatelang keinerlei Problem mit der Folgsamkeit ihrer beiden Hunde gehabt, weder drinnen noch draußen. Das ist wichtig, denn es bedeutet: Wir sprechen hier nicht von einem Hund, der grundsätzlich nicht auf seinen Menschen hört. Wir sprechen von einem Hund, der plötzlich, in einem sehr spezifischen Kontext, die Kontrolle verlor.

Genau deshalb erstaunt mich der Plan so sehr. Er behandelt Amanda, als sei sie generell unerzogen oder rebellisch und müsse von null an lernen, ihrem Menschen zu folgen. Das war sie nicht. Etwas anderes war passiert.


Zwei Wochen Schweigen

Fangen wir mit der ersten Anweisung an, weil sie mich am meisten beschäftigt hat: zwei Wochen lang nicht mit den Hunden sprechen.

Das ist im Grunde ein kompletter Abbruch der Kommunikation. Eine Art, den Hund zu ignorieren. Und ich frage mich ernsthaft: Warum sollte ein Hund sein Verhalten ändern, wenn genau die Person, zu der er die engste Bindung hat, jede Kommunikation mit ihm einstellt?

Versetz dich kurz selbst hinein. Stell dir vor, du wärst dieser Hund, und deine bisher engste Vertraute, dein Lebensgefährte, deine beste Freundin, bricht von einem Tag auf den anderen jede Kommunikation mit dir ab. Ghosten, wie man das heute nennt. Wie würde sich das anfühlen? Würdest du dich daraufhin wirklich mehr auf dein Gegenüber einlassen wollen, oder würdest du dich bei anhaltender Funkstille eher innerlich abwenden und dir woanders Nähe suchen?

Stell dir dieselbe Situation bei einem Kind vor, vier bis sechs Jahre alt. Die Eltern stellen zwei Wochen lang jede Kommunikation mit diesem Kind ein. Kein Sprechen, kein Erklären, kein Zuwenden. Kein seriöser Familientherapeut würde das je empfehlen, im Gegenteil.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, dessen Lebenswerk sich der Beziehung zwischen Eltern und Kindern widmet, hat dazu eine Position, die fast wortwörtlich das Gegenteil dieses Plans beschreibt. In einem ausführlichen Porträt über ihn findet sich sogar eine eigene Überschrift dazu: Die Abwesenheit von Gefühlen schade dem Kind, nicht ihre Anwesenheit. Juul wendet sich damit gegen die verbreitete Annahme, Zurückhaltung und emotionale Distanz seien der sichere Weg, während echtes, auch mal unvollkommenes Engagement schädlich sei. Er selbst sagt von sich, er habe in seiner eigenen Familie über Jahre hinweg zwanzig ernsthafte Fehler am Tag gemacht und trotzdem eine tragfähige Beziehung zu seinem Sohn aufgebaut. Sein zentraler Punkt: Kinder brauchen Eltern, die präsent sind, auch wenn diese Präsenz unperfekt ist. Nicht Eltern, die sich zurückziehen, um eine Lektion zu erteilen.

Was für Kinder gilt, gilt für Hunde in einem ganz ähnlichen Maß. Beide sind auf die Beziehung zu ihrer Bezugsperson angewiesen, um sich in der Welt zu orientieren. Wird diese Beziehung für zwei Wochen eingefroren, verliert der Hund nicht seine schlechten Verhaltensweisen, sondern er verliert seinen Kompass.


Kein Bett, kein Sofa

Die nächste Anweisung: kein Schlafen mehr im Bett, kein Liegen mehr auf dem Sofa.

Ich sage das ganz ehrlich: Würde ich das bei mir selbst durchziehen, würde ich mich eher selbst bestrafen als meinen Hund. Ich genieße es zu sehr, dass mein Hund bei mir ist, seine Nähe, und wenn es kalt ist, gerade auch nachts, seine Wärme. Für den Hund selbst ist es am Ende des Tages meistens egal, wo er schläft, im Bett, auf dem Boden, auf dem Sofa oder in seinem eigenen Körbchen. In geschätzt neun von zehn Fällen, die ich in meiner Arbeit sehe, leidet bei einer solchen Anweisung eher der Mensch als der Hund. Aber eine solche Maßnahme habe ich in den Jahrzehnten des Pfoten-Pfad nie gegeben.

Das allein macht die Maßnahme nicht unbedingt falsch, aber es macht sie fragwürdig als Mittel gegen ein Aggressionsproblem. Sie verändert nicht die Beziehung zum Positiven. Sie verändert vor allem den Komfort des Menschen, ins Negative.


Zehn Minuten vor dem Napf

Jetzt zu der Anweisung, die mich am meisten irritiert hat: Die Hunde sollen abends zehn Minuten vor ihrem gefüllten Napf sitzen, dann wird ihnen das Futter weggenommen, gefüttert wird erst am nächsten Morgen. Begründung: Das erhöhe die Frustrationstoleranz.

Ich frage mich ernsthaft, wo hier irgendetwas erhöht wird außer der Frustration selbst. Das ist ungefähr so, als würde man ein Feuer mit Öl löschen wollen. Ein Hund, der zehn Minuten vor seinem Futter warten muss und es dann komplett entzogen bekommt, baut keine Toleranz auf. Er baut Anspannung auf, ohne jede Möglichkeit, sie in diesem Moment aufzulösen. Frust sucht sich früher oder später immer ein Ventil, oder er führt zur Resignation und einem damit verbundenen Rückzug des Hundes seinem Menschen gegenüber. Das sind dann unter anderem Hunde, die uns als Angsthunde vorgestellt werden.


Nur einmal am Tag, morgens

Damit verbunden: Die Hunde werden nur noch einmal täglich gefüttert, morgens. Das führt in der Praxis häufig dazu, dass Hunde über den Tag unruhiger, nervöser, hibbeliger werden.

Wie eng Fütterungsrhythmus, Verdauung und Verhalten tatsächlich zusammenhängen, hat Lisa in einem eigenen Artikel ausführlich beschrieben, mit den wissenschaftlichen Hintergründen zur Darm-Hirn-Achse: Dein Hund braucht keine Darmsanierung, er braucht dich. Wer verstehen möchte, warum Fütterungszeitpunkte kein Nebenschauplatz sind, sondern direkten Einfluss auf das Nervensystem eines Hundes haben, findet dort die Belege dazu.

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Wortloses Wegführen

Und schließlich: Springen die Hunde auf Sofa oder Bett, sollen sie wortlos an die Leine genommen und woanders hingeführt werden.

Das ergibt für mich wenig Sinn, weil in dem Moment niemand da ist, der dem Hund erklärt, dass genau das eigentlich unerwünscht ist. Ein wortloses Wegnehmen ist keine Kommunikation. Es zeigt dem Hund nicht, dass es grundsätzlich nicht gewollt ist, dorthin zu gehen. Es sagt ihm lediglich, dass er dort so lange liegen bleiben kann, bis irgendwann jemand kommt und ihn stillschweigend entfernt. Das Grundsätzliche, gar nicht erst hochzuspringen, wird ihm auf diese Weise nie vermittelt.

Und wenn ein Verhalten für den Hund in der Folge nicht mehr nachvollziehbar ist, weil die Reaktionen seines Menschen keinem erkennbaren Muster mehr folgen, dann wendet er sich ab. Das gilt für Hunde ebenso wie für Katzen oder Menschen. Wenn mein Gegenüber mein Verhalten nicht mehr nachvollziehen kann, entfernt es sich innerlich von mir.

Zusammengefasst: Fast jede dieser Anweisungen sorgt am Ende dafür, dass sich der Hund mehr von seinem Menschen abwendet, statt ihm respektvoll und zugewandt zu folgen.

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Was tatsächlich passierte, als Iris den Plan befolgte

Iris hielt sich an alle Anweisungen. Innerhalb weniger Tage verschärfte sich die Situation. Das war, mit allem, was ich gerade beschrieben habe, absehbar. Deshalb wandte sie sich schließlich an Lisa.

Warum konnten diese Maßnahmen nicht zum Erfolg führen? Die Antwort ist einfach: weil die Ursachensuche, die eigentliche Anamnese, nicht korrekt durchgeführt wurde. Das ist das, was, wie ich oben schrieb, mir in dem ganzen Plan fehlte. Man hatte ein Symptom gesehen, Aggression gegenüber bekannten Hunden, und darauf ein allgemeines Trainingsprotokoll angewendet, ohne zu fragen, was in Iris' Leben in dieser Zeit tatsächlich passierte.


Die eigentliche Ursache

Schauen wir uns Iris' Situation noch einmal genau an. Ein Umzug über eine so große Entfernung kostet enorm viel Zeit, Kraft und Energie, vor allem Zeit, die dadurch nicht mehr für die Hunde zur Verfügung stand. Dazu der emotionale Aufwand, sich in einer komplett neuen Arbeitsstelle mit mehreren hundert Kollegen zurechtzufinden, sich einzuarbeiten, sich einzufinden, in den ersten Tagen und Wochen irgendwie klarzukommen. Auch das kostet Zeit, Kraft und Energie, und es erzeugt eigene Unsicherheiten und die dazugehörigen Emotionen.

Genau das lesen Hunde. Diese Mischung aus wenig gemeinsamer Zeit, dadurch weniger körperlicher Auslastung, und einem Menschen, der aufgrund seiner persönlichen Umstände in diesem Moment unsicher und mit dem Kopf woanders ist, führt zu einer Führungslosigkeit. Zu einem Vakuum.

Und dieses Vakuum hatte Amanda besetzt. Sobald Iris wieder die Führung übernahm, war für beide, für Amanda und für Iris, wieder alles in Ordnung.

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Was mich an dieser Geschichte am meisten umtreibt

Nicht die einzelnen Anweisungen für sich genommen sind das eigentlich Erstaunliche an dieser Geschichte. Erstaunlich finde ich, wie konsequent ein ganzer Plan an der eigentlichen Frage vorbeigehen konnte: Was verändert sich gerade im Leben dieses Menschen, und wie spürt sein Hund das?

Die Trainerin hatte eine Diagnose gestellt, aber keine Ursachenforschung betrieben. Sie hatte ein Symptom behandelt, mit einem Protokoll, das für jeden Hund in jeder Situation gleich aussehen könnte. Dabei war Amandas Verhalten hochspezifisch, gebunden an einen bestimmten Zeitraum, an bestimmte Umstände, an eine bestimmte innere Verfassung ihres Menschen.

Genau das unterscheidet, aus meiner Sicht, gute von unzureichender Arbeit mit Hund und Halter. Nicht, wie viele Techniken jemand kennt. Sondern, ob jemand bereit ist, lange genug hinzuschauen und genügend Fragen zu stellen, bis die eigentliche Ursache sichtbar wird, statt vorschnell ein Protokoll aus der Schublade zu ziehen, das schon bei zehn anderen Hunden angewendet wurde.

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Was das für dich bedeutet

Wenn dein Hund sich plötzlich anders verhält, ohne erkennbaren Grund, dann lohnt sich die Frage nicht nur, was mit ihm los ist. Sie lohnt sich auch für dich selbst: Was hat sich in deinem Leben gerade verändert? Wie viel Zeit, Aufmerksamkeit und innere Ruhe hast du gerade wirklich für ihn übrig? Und was passiert mit ihm, wenn diese Ressourcen für eine Weile knapp werden?

Ein Hund, der plötzlich aus der Reihe tanzt, ist selten böswillig. Meistens versucht er nur, mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, eine Lücke zu füllen, die eigentlich du besetzen solltest.

Solche Ursachen findet man selten in zwei Wochen Schweigen. Sie zeigen sich, wenn jemand hinschaut, fragt, und Zusammenhänge erkennt, die auf den ersten Blick nichts mit dem Hund zu tun zu haben scheinen. Genau dafür sind unsere Seminare da.

Zu den Seminaren

Eckard Wulfmeyer ist Mentalcoach und Verhaltensanalyst sowie Gründer des Pfoten-Pfads in Stinstedt. Er begleitet Hundehalter dabei, ihren eigenen Weg mit ihrem Hund zu finden, fern von Methoden und Gebrauchsanweisungen.

Hier geht es zur Übersicht aller Artikel in diesem Blog: https://www.pfoten-pfad.de/blog

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